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Gedanken für den Tag
"Scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht"
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, zum Welttag der Poesie
17. März 2025, 06:57
Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin
Und schaffet Nachtgespenster.
- Ängste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu dich! schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.
Manchmal, wenn die Nacht kurz war oder ich wieder einmal nicht aufstehen will, hilft mir dieses Gedicht aus dem Bett, auch wenn ich eher den Wecker höre als Morgenglocken.
Das Gedicht ist fast 200 Jahre alt, es trägt die Überschrift "In der Frühe" und stammt von Eduard Mörike. Ich mag die Musikalität seiner Reime, die gar nicht so besonders ausgestellt sind, weil die Sätze oft wie selbstverständlich über sie hinwegfließen. Und noch ein anderes altes Mittel der Poesie springt mir hier ins Auge: die Personifizierung. Der Schlaf, der Tag oder die Morgenglocken handeln wie selbstständige Akteure; und auch "mein verstörter Sinn" oder "meine Seele".
"verstört" ist ein Schlüsselwort für Mörikes Leben und Werk. Er hatte es nicht leicht mit der Welt und war ein schwieriger Mensch. Und auch seine Poesie ist von Melancholie und Ambivalenz geprägt. Er kann ein Gedicht mit den Verszeilen "Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel: / Die Wolke wird mein Flügel" beginnen, doch am Schluss fallen die schönen Bilder in sich zusammen, und alles ist nur noch Erinnerung. "- Alte unnennbare Tage!" lautet die Schlusszeile.
Aber in der Musikalität seiner Verse sind diese Traurigkeit wie auch die verquälten Zweifel des Gedichts "In der Frühe" wie verwandelt. Das macht Mörike zu einem der poetischen Leitsterne des 19. Jahrhunderts. Darum kommt er mir in den Sinn, wenn diese Woche der Welttag der Poesie gefeiert wird. Und auch weil bald, am 4. Juni dieses Jahres, sein 150. Todestag sein wird.
Service
Gedicht, Eduard Mörike, "In der Früh", Reclam Verlag
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Gabriel Fauré
Album: Nocturnes & Barcarolles
Titel: Nocturne für Klavier Nr. 4 Es-Dur, op. 36 (N 79)
Solist/Solistin: Marc-André Hamelin
Länge: 07:42 min
Label: hyperion CDA68331/2