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Gedanken für den Tag

Albert Ehrenstein und die Stimme aus Barbaropa

Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, zum Welttag der Poesie

"Ich bin der Wanderer, der ausgestoßen ist aus allen Sippen, ich bin der Freie, ich bin der Wilderer, der ewige Fremdling, der frei in der Luft schwebt wie die Sterne über der Wüste."

Dieser Satz steht in den 1922 erschienenen Gedichten in Prosa, denen ihr Autor Albert Ehrenstein den Titel "Briefe an Gott" gab. Er hat sich mit dem hier anklingenden Pathos des Außenseiters durchaus richtig eingeschätzt. 1886 in Wien, im heutigen Bezirk Ottakring geboren, konnte er 1910 sein erstes Gedicht in der berühmten Zeitschrift "Die Fackel" von Karl Kraus publizieren, und ein Jahr darauf erschien seine erste Erzählung mit Illustrationen seines Freundes Oskar Kokoschka.

Albert Ehrenstein kommt aus dem Wiener Expressionismus, das zeigt sich in den oft grellen Bildern seiner Gedichte, in unerwarteten Wortbildungen und in dem nur unregelmäßig eingestreuten Reim. Eines davon heißt "Stimme aus Barbaropa", und seine erste Strophe lautet:

Du leuchtest, Sonne, dralles Licht,
Begrünst das Kahle,
Spatzen essen dir schneefröhlich Körner,
Nur im Menschen warfst Du nicht Anker,
Er mengt deine Tagessaat
Seinem Dunkel, schattender Zwerg.

Die Sonne, konstatiert das Gedicht, leuchtet Pflanzen und Tieren, ist aber machtlos gegenüber dem Menschen. Und etwas später stellt eine vierzeilige Strophe dann die Frage:

Wann endet die Nacht
Euerer Schlacht,
Die Barbaropa, Eurasien durch
Donnert Mordjahre lang!?

Am 4. April wird es 75 Jahre her sein, dass Albert Ehrenstein nach der Flucht vor dem Nationalsozialismus und vielen verschiedenen Lebensstationen nach zwei Schlaganfällen in einem New Yorker Armenhospiz verstorben ist. Seine Frage nach dem Ende der Nacht, dem Ende des Krieges treibt uns auch jetzt um und raubt uns den Schlaf.

Service

Gedicht, Albert Ehrenstein, "Briefe an Gott", Boer Verlag

Gedicht, Albert Ehrenstein, "Stimme über Barbaropa", Wallenstein Verlag

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Gabriel Fauré
Album: Nocturnes & Barcarolles
Titel: Nocturne für Klavier Nr. 2 H-Dur, op. 33 Nr. 2 (N 76.2)
Solist/Solistin: Marc-André Hamelin
Länge: 01:10 min
Label: hyperion CDA68331/2

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