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Gedanken für den Tag
Welttag der Poesie
von Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer
21. März 2025, 06:57
Seit dem Jahr 2000 wird, von der UNESCO initiiert, weltweit der Tag der Poesie mit vielen Veranstaltungen und Festivals gefeiert.
Poesie ist prägnant und kann sich zu unvergesslichen Formeln verdichten, Poesie ist durch Rhythmus und Reim leicht auswendig zu lernen und zu singen; in Zeiten der Diktatur lässt sich Poesie anonym und schnell verbreiten. In der Sowjetzeit habe ich in Litauen noch Dichterinnen und Dichter kennengelernt, die manche ihrer eigenen Gedichte schnell auswendig gelernt und dann versteckt oder vergraben haben. Und manchmal haben sie in einer verklausulierten, in einer äsopischen Sprache, wie sie sagten, in ein veröffentlichtes Gedicht Doppeldeutigkeiten eingeschmuggelt, die die Zensur nicht bemerkt hat. Die Leserinnen und Leser waren da schon geübter im Dechiffrieren von Verszeilen.
Poesie ist aber auch das Experimentallabor für neue Wörter, Bilder und Klänge einer Sprache, und wenn diese einen unvermittelt treffen, bleibt manchmal die Zeit stehen. Ich lese immer wieder Gedichte, neue und solche, die ich schon lange kenne. Ich lese sie gerne auch laut. Am tiefsten bin ich in Gedichte verwurzelt, die ich aus dem Litauischen übersetze. Die beiden Sprachen sind so verschieden - da muss man sich über jedes Wort und jeden Klang Rechenschaft geben.
"Das Volk braucht Poesie wie Brot", schrieb die französische Denkerin Simone Weil. Ingeborg Bachmann hat diesen Satz in ihrer ersten Frankfurter Vorlesung aufgenommen und fortgesetzt: "Poesie wie Brot? Dieses Brot müsste zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wiedererwecken, ehe es ihn stillt. Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können."
Service
Frankfurter Vorlesungen, Ingeborg Bachmann, "Werke", Hrsg. von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster, Vierter Band: Essays, Reden, Vermischte Schriften, Piper Verlag
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Gabriel Fauré
Album: Nocturnes & Barcarolles
Titel: Nocturne für Klavier Nr. 6 Des-Dur, op. 63 (N 121)
Solist/Solistin: Marc-André Hamelin
Länge: 08:53 min
Label: hyperion CDA68331/2