Zwischenruf

Von Frieden und Shalom

von Stefan Schröckenfuchs, Superintendent der evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich

"Werde ich in den Krieg ziehen müssen?", fragte mich mein 16-jähriger Sohn vor ein paar Tagen. Die Nachrichten über die Wiederaufrüstung Europas nach dem Kurswechsel in der US-Außenpolitik sind an ihm nicht spurlos vorübergegangen. "Ich will nicht in den Krieg!", sagt er. "Ich will doch nur ein normales Leben."

Seine Worte gehen mir durch Mark und Bein. Ich will weder, dass mein Kind in den Krieg muss, noch dass es daran denken muss. "Noch ist es nicht so weit", tröste ich ihn. Und: "Bevor du gehen musst, gehe ich für dich!"

Aufrüsten, um sich verteidigen zu können. Vorbereitet sein für den Fall, dass man angegriffen wird. Das scheint gerade das Gebot der Stunde. Natürlich, Europa hat sich viel zu lange allein auf den Bündnispartner USA verlassen, heißt es. Ein Versäumnis, das sich jetzt räche, und das Maßnahmen erfordere. Aber sind 800 Milliarden Euro für die Aufrüstung Europas, wie von der EU beschlossen, wirklich die einzige Antwort, die wir haben?

"Wenn ein Starker mit Waffen in der Hand seinen Hof bewacht, ist sein Besitz in Sicherheit", heißt es sogar in der Bibel im Lukasevangelium. "Wenn aber ein Stärkerer ihn angreift und ihn besiegt, nimmt er ihm die Rüstung, auf die er sich verlassen hat, und verteilt die Beute." Gibt es also keine Alternative als aufzurüsten, um der Stärkere zu sein? Das kann ich nicht glauben. Und ich will mich nicht auf Waffen verlassen. Denn jede Waffe, die man produziert, birgt die Gefahr, dass man sie benutzt; und was bringt der Gebrauch von Waffen anderes als Tod und Verderben?

Frieden fängt für mich nicht mit dem Bau von Waffen an. Frieden kann es für mich nur da geben, wo Menschen von einer besseren Zukunft träumen. Eines der biblischen Wörter für Frieden ist "Shalom". Shalom meint nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Shalom meint Heilsein, Unversehrtheit, ja sogar: es geht ein bisschen besser als gut. Shalom, im Arabischen "Salam", ist auch ein Gruß. Shalom meint: Ich wünsch dir, dass es dir gut geht - sogar ein bisschen besser als gut.

Dieser einfache Gruß trägt eine tiefe Wahrheit in sich: wirklichen Frieden gibt es nicht für einen für sich allein. Wirklich gut kann es nur sein, wenn es uns gemeinsam gut geht. Darum wünsche ich Frieden nicht nur für mich, sondern auch für die anderen.

Wer sich nach Frieden sehnt, darf sich so gesehen nicht damit begnügen, nur an die eigene Absicherung zu denken, sei es durch Mauern oder Waffen. Wer Frieden will, muss - dieser Logik folgend - von einer Zukunft träumen, in der es mir gut geht und meinen Mitmenschen. Das gilt für die kleinen Dinge wie den Umgang mit meinen Nachbarn. Es gilt aber genauso für die großen Dinge, die sich auf der Bühne der Weltpolitik abspielen.

Ich möchte darum nicht aufhören, von einer guten Zukunft auch für jene zu träumen, die mein friedliches Leben heute bedrohen. Ich wünsche mir deshalb, dass nicht nur Milliarden in Rüstungsprojekte gesteckt werden, sondern auch in die Friedensforschung. Manche meinen, der Friede beginnt in der Waffenfabrik. Ich meine, der Friede beginnt im Kopf.

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Keith Jarrett
Album: DARK INTERVALS
Titel: Parallels/instr./live
Solist/Solistin: Keith Jarrett /Piano
Länge: 04:58 min
Label: ECM 1379 / 8373422

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