Literatur am Feiertag
Albert Einstein, Sigmund Freud: Warum Krieg? Ein Briefwechsel. Es lesen: Bibiana Beglau und Dörte Lyssewski.
1. Mai 2025, 14:05
Albert Einstein war nicht nur Vater der Relativitätstheorie, sondern er nannte sich selbst einen "militanten Pazifisten", der den Frieden in seinen leidenschaftlichen Reden einforderte und verteidigte. 1932, da war er 53 Jahre alt, bat ihn der Völkerbund mit einer Person seiner Wahl in einen Austausch zu einer ihm drängenden Fragestellung zu treten. Albert Einstein entschied sich für den Vater der Psychoanalyse, für Sigmund Freud, und stellte ihm die Fragen: "Gibt es einen Weg, die Menschen vom Verhängnis des Kriegs zu befreien? Gibt es eine Möglichkeit, die psychische Entwicklung der Menschen so zu leiten, dass sie den Psychosen des Hasses und des Vernichtens gegenüber widerstandsfähiger werden?"
Sigmund Freund zögerte anfänglich, er fühlte sich nicht befähigt, diese Frage zu beantworten. "Ich erschrak zunächst unter dem Eindruck meiner - fast hätte ich gesagt: unserer - Inkompetenz, denn das erschien mir als eine praktische Aufgabe, die den Staatsmännern zufällt. Ich verstand dann aber, dass Sie die Frage nicht als Naturforscher und Physiker erhoben haben, sondern als Menschenfreund, der den Anregungen des Völkerbunds gefolgt war."
Es entstand ein bewegender Briefwechsel zwischen zwei der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts, die sich persönlich nur einmal, 1927 in Berlin während der Neujahrsfeiern begegnet waren. Sigmund Freud ging ausführlich auf Einsteins Fragen ein, er verwies auf die Triebstruktur des Menschen, die sich nicht plakativ bewerten ließe: "Wir nehmen an, dass die Triebe des Menschen nur von zweierlei Art sind, entweder solche, die erhalten und vereinigen wollen - wir heißen sie erotische, ganz im Sinne des Eros im Symposion Platos, oder sexuelle mit bewusster Überdehnung des populären Begriffs von Sexualität - und andere, die zerstören und töten wollen; wir fassen diese als Aggressionstrieb oder Destruktionstrieb zusammen. Sie sehen, das ist eigentlich nur die theoretische Verklärung des weltbekannten Gegensatzes von Lieben und Hassen, der vielleicht zu der Polarität von Anziehung und Abstoßung eine Urbeziehung unterhält, die auf Ihrem Gebiet eine Rolle spielt. Nun lassen Sie uns nicht zu rasch mit den Wertungen von Gut und Böse einsetzen. Der eine dieser Triebe ist ebenso unerlässlich wie der andere, aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken der Beiden gehen die Erscheinungen des Lebens hervor." Freud betonte weiter, dass es die Errungenschaft der Kultur sei, eine Dominanz des Liebens über das Hassen zu ermöglichen. "Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg," schreibt er am Ende seines Briefes.
Den gesamten Briefwechsel können Sie in unserer Sendung "Literatur am Feiertag" hören. Burgschauspielerin Bibiana Beglau liest Albert Einstein und Burgschauspielerin Dörte Lyssewski Sigmund Freud.
Aufnahme Dörte Lyssewski: Stefanie Zussner Aufnahme Bibiana Beglau - und Zusammenstellung der Sendung: Elisabeth Weilenmann
Service
Albert Einstein, Sigmund Freud: Warum Krieg? Ein Briefwechsel. Mit einem Essay von Isaac Asimov, Diogenes, 2024