Menschenbilder
Alfred Kirchmayr, Psychotherapeut und Theologe
"Liebe dich selbst, dann kann dich die ganze Welt gern haben."
Der Psychotherapeut und Theologe Alfred Kirchmayr
11. Mai 2025, 14:05
Alfred Kirchmayr hat sich noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Als "Wirtshauskind" im niederösterreichischen Mostviertel geboren und aufgewachsen, hat er sich als Schüler des Stiftsgymnasiums Seitenstetten für den katholischen Glauben zu begeistern begonnen, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Schriften Pierre Teilhard de Chardins. "Ich habe Teilhards Buch Der Mensch im Kosmos' gelesen, das hat mich tief beeindruckt", erinnert sich Kirchmayr. "Außerdem hat damals, Anfang der 60er-Jahre, das Zweite Vatikanum begonnen. Es war eine Zeit des Aufbruchs, ich habe, wie viele andere, auf radikale Reformen in der Kirche gehofft."
Und so begann Alfred Kirchmayr in Wien Theologie zu studieren. Als Assistent des Konzilstheologen Ferdinand Klostermann machte er sich rasch einen Namen - und bald auch viele Feinde. Kirchmayr plädierte, wie Klostermann, für ein radikales, demokratisches Christentum, das missfiel vielen, vor allem in den höheren kirchlichen Rängen.
Einen Wendepunkt im Leben des heute 83-Jährigen markierte die Begegnung mit dem Tiefenpsychologen Erwin Ringel. Alfred Kirchmayr absolvierte eine Lehranalyse beim Erforscher der "österreichischen Seele" und ließ sich zum Psychotherapeuten nach Alfred Adler ausbilden - ein Beruf, den er bis heute mit Engagement und Leidenschaft ausübt. Viele Jahre lang, bis in die 1990er-Jahre hinein, gehörte Alfred Kirchmayr zu den engsten Mitarbeitern Erwin Ringels. Gemeinsam veröffentlichten die beiden 1985 das vieldiskutierte Buch "Religionsverlust durch religiöse Erziehung". Drei "Kardinalsyndrome" des institutionalisierten Katholizismus werden in diesem Bestseller benannt:
1. Die rigide kirchliche Auffassung von Autorität und Gehorsam.
2. Die kirchliche Sexual- und Ehemoral.
3. Das problematische Verhältnis der Kirche zur Demokratie und zu den modernen Wissenschaften.
"Religionsverlust durch religiöse Erziehung" erschien in mehreren Auflagen - und erregte großes Aufsehen. Von konservativer Seite schlug den Autoren teilweise blanker Hass entgegen, wie Kirchmayr sich erinnert. In den höheren Rängen der kirchlichen Hierarchie wurde Alfred Kirchmayr mit der Publikation endgültig zur Persona non grata.
Heute hat der Psychotherapeut und Theologe seinen Frieden mit der Kirche gemacht - durch seinen Kirchenaustritt. "Ein Schritt, den ich am Festtag des heiligen Franz von Assisi vollzogen habe, das war mir wichtig."
In der psychotherapeutischen Praxis setzt Alfred Kirchmayr auf Empathie und die problemlösende Kraft des Humors: "Humor haben heißt, eine gesunde Distanz zu sich selbst und seinen Problemen aufzubauen, das ist äußerst heilsam."
Auch in seinem Lebensmotto beweist Alfred Kirchmayr Mut zu humorvoller Doppeldeutigkeit: "Liebe dich selbst, dann kann dich die ganze Welt gernhaben."
Service
Bibliothek:
Alfred Kirchmayr und Erwin Ringel: "Religionsverlust durch religiöse Erziehung", Verlag Der Apfel, Wien, 241 Seiten.