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Gedanken für den Tag
Kriegswall oder Schutzzone
von Wolfgang Müller-Funk, Literaturwissenschaftler
16. September 2025, 06:57
Grenzen sind vielschichtig. So kann ein bestimmtes Gebäude je nach Hausordnung freier Wohnort oder Gefängnis sein. Man braucht nur die Türen und Tore versperren, so das niemand dort eintreten noch austreten kann - schon ist man ein- oder ausgesperrt. Grenzen haben mit einem zentralen Mechanismus zu tun, der die menschliche Welt sozial und kulturell bestimmt, mit Öffnen und Schließen. Viele Räume und Orte, in denen wir uns bewegen, haben Zeiten, in denen sie geöffnet und in denen sie geschlossen sind.
Stacheldraht und übermächtiges Mauerwerk folgen dem Phantasma, hundertprozentige Sicherheit durch rigorose Abschließung zu bewerkstelligen. Sie verdanken sich der Logik, des Limes, des Kriegswalls. Sie scheinen auf Zeitlosigkeit gestellt und für die Ewigkeit gebaut zu sein. Ob aus Stacheldraht oder aus Beton, sie sind perfekte und vom stummen Wachpersonal abgesehene menschenlose Grenzen ohne Durchlass. Eine völlig durchlässige Welt wäre ohne eigenen Raum für den einzelnen Menschen.
Für den italienischen Philosophen und früheren Bürgermeister von Venedig Massimo Cacciari ist die Grenze Schwelle, Übergang, Kontaktzone. Limen. Sie spielen in regulierten Räumen, in Städten also, eine entscheidende Rolle. Dabei kommen nicht nur sprachliche Trennlinien zum Tragen, sondern auch Grenzen, die ein friedliches und freundliches Zusammenleben ermöglichen. Die Grenzen, die da im Spiel sind, befinden sich nicht nur an äußeren Grenzbalken, sondern auch im Inneren eines sozialen Gebildes. Und in unserem Kopf. Fremde sind Menschen jenseits einer stummen Linie, sie werden, wie die Psychoanalytikerin Julia Kristeva meint, als Verheißung begrüßt und als Bedrohung verdammt. Der fremde Mensch aber "ist weder die kommende Offenbarung noch der direkte Gegner, den es auszulöschen gilt, um die Gruppe zu befriedigen." Er ist der Mensch jenseits einer Grenze. Da wir uns selbst bis zu einem gewissen Grad fremd bleiben, verlaufen diese Grenzen oft in uns selbst.
Service
Wolfgang Müller-Funk, "Grenzen - Ein Versuch über den Menschen", Matthes & Seitz, Oktober 2025
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Friedrich Smetana 1824 - 1884
Gesamttitel: MEIN VATERLAND - Zyklus symphonischer Dichtungen
Titel: Nr.2 Vltava
Anderssprachiger Titel: Die Moldau
* Allegro comodo non agitato (Die erste Quelle der Moldau - Die zweite Quelle - Wald - Jagd)
Orchester: Wiener Philharmoniker
Leitung: James Levine
Länge: 11:59 min
Label: DG 4197682 (2 CD)
