Zwischenruf

Advent im wirklichen Leben

von Kim Vanessa Kallinger, Oberkirchenrätin der evangelisch-lutherischen Kirche

Wien im Advent. Die Tage sind kurz, die To-do-Listen lang, und irgendwo zwischen Online-Meetings, Elternabenden und einem zahnenden Baby frage ich mich immer wieder, wann eigentlich diese "stille Zeit" beginnt. Unser Großer ist vier Jahre alt, unsere Kleine acht Monate.

Wir backen Kekse, planen den Heiligabend und schreiben Einkaufslisten. In der weihnachtlich geschmückten Küche steht der Große neben mir auf einem kleinen Hocker, rollt Teig aus und nascht von allem, was in Reichweite kommt. Am Ende befindet sich mehr Mehl auf dem Boden als im Teig, und die Hälfte der ausgestochenen Sterne hat kleine Spuren vom Naschen.

Später kommt der Wunschzettel dran - ein Dokument, das sich im Laufe des Advent ähnlich schnell weiterentwickelt wie unser Baby. Jeden Tag ein neuer Wunsch, jeden Tag eine neue Idee. Und jeden Tag dieselbe Frage: "Wie oft noch schlafen, bis das Christkind kommt?" Überall im Haus liegen Spuren dieses Wartens: Spielzeug auf dem Boden, Brösel auf und unter dem Tisch, ein Stück Geschenkpapier, das schon vor Heiligabend entdeckt wurde. Und doch - oder gerade deshalb - liegt ein Zauber über diesen Tagen. Schönheit und Durcheinander stehen dicht beieinander.

Gerade das mag ich an dieser Zeit. Nicht ihre Perfektion - sondern ihre Bedeutung. Der Advent lädt ein, innerlich langsamer zu werden. Er erinnert daran, dass Warten nicht Leere bedeutet, sondern Erwartung. Die Worte, die in diesen Wochen in den Kirchen gelesen werden, erzählen davon: von Jesajas Vision vom Licht, das die Dunkelheit vertreibt. Und von der Stimme, die spricht: "In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg." Worte, die Hoffnung wecken und davon erzählen, dass Neues möglich ist.

Diese Zeit soll Ruhe schenken, zur innerlichen Sammlung Ausrichtung auf das Wesentliche. Und gerade dieses Innehalten sucht sich seinen Platz mitten im Alltag, dort wo zwischen Kranz und Kerzen das echte Leben mit all seinen Freuden und Herausforderungen sichtbar wird. Das Baby, das getragen werden will. Ein Vierjähriger, der alles gleichzeitig möchte. Eine Küche, die nach dem Backen aussieht, als wäre ein Schneesturm hindurchgezogen. Vielleicht ist das genau der Kern des Advent: dieses Noch-nicht, das trotzdem schon erzählt, worauf wir zugehen. Wir organisieren, wir planen, wir hangeln uns von Tag zu Tag - und doch entsteht manchmal ganz überraschend ein Moment der Stille.

Zum Beispiel, wenn die Kinder am Abend die Kerzen am Adventkranz bestaunen und alles für einige Sekunden ruhig wird. Wenn das Flackern der Flamme den Raum weicher macht. Wenn die Fragen für einen Moment verstummen. Wenn ich spüre, warum wir feiern: Weil Licht kommen soll. Weil Hoffnung wächst. Weil Liebe - ganz unspektakulär - bei uns einzieht. Und dann kommt er, dieser Abend, dem die Kinder wochenlang entgegengefiebert haben. Der Heilige Abend. Das Krippenspiel erinnert daran, dass Christus einst in diese Welt kam - unscheinbar, verletzlich, mitten hinein in ein normales, unvollkommenes Leben. Das ist die Botschaft von Weihnachten.

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Traditional
Album: STILL - WEIHNACHTSLIEDER
Titel: Leise rieselt der Schnee
Solist/Solistin: Otto Lechner /Ziehharmonika
Solist/Solistin: Klaus Trabitsch /Gitarre
Länge: 04:03 min
Label: Geco Tonwaren H 009

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