Zwischenruf
Pflege macht einsam
von Martin Nagl-Cupal, Professor für Pflegewissenschaft an der Universität Wien
28. Dezember 2025, 06:55
Jedes Mal, wenn ich höre, dass pflegende Angehörige zu einem Pflegestammtisch oder in eine andere Runde mit Menschen gehen, denen es ähnlich geht, denke ich mir: Hier treffen sich Menschen, die eigentlich keine Zeit haben - und trotzdem kommen. Nicht, weil sie so gesellig wären, sondern weil da etwas fehlt. Oft ist es genau das: das Gefühl, mit einer Aufgabe nicht allein zu sein, die den Alltag, die Beziehungen und manchmal das ganze Leben bestimmt. Einsamkeit ist für viele pflegende Angehörige kein Randthema, sondern eine stille, dauerhafte Begleiterin.
Einsamkeit ist nicht dasselbe wie Alleinsein. Viele pflegende Angehörige sind im Gegenteil selten allein. Sie verbringen einen Großteil des Tages mit der pflegebedürftigen Person, sind ständig im Tun, im Sorgen, im Dasein. Und trotzdem können sie sich sehr einsam fühlen. Denn Einsamkeit beschreibt die belastende Erfahrung, dass soziale Beziehungen nicht so verfügbar, nicht so tragfähig oder so verständnisvoll sind, wie man sie in dieser Lebenssituation oft bräuchte.
Die Forschung bestätigt diese Erfahrungen deutlich. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil pflegender Angehöriger unter Einsamkeit leidet - je nach Pflegesituation bis etwa die Hälfte. Besonders betroffen sind Menschen, die sehr intensiv pflegen und wenig Unterstützung haben. Einsamkeit steht dabei in engem Zusammenhang mit psychischer Belastung, Schlafproblemen und einer schlechteren eigenen Gesundheit. Sie ist also nicht bloß ein Gefühl, sondern ein ernstzunehmender Risikofaktor.
Bestimmte Gruppen erleben Einsamkeit besonders stark. Angehörige von Menschen mit Demenz spüren oft, dass vertraute Gespräche und Gegenseitigkeit verloren gehen. Die Beziehung verändert sich grundlegend - und mit ihr das Gefühl von Nähe. Auch Eltern von pflegebedürftigen oder chronisch kranken Kindern berichten von Einsamkeit. Ihr Alltag unterscheidet sich stark von dem anderer Familien, die Kontakte werden weniger, das Verständnis fehlt. Und gerade jetzt, rund um Weihnachten, können Bilder unbeschwerter Familien besonders schmerzhaft sein - für die, die eben das vermissen.
Und dann gibt es jene, die wir besonders leicht übersehen: pflegende Kinder und Jugendliche, sogenannte Young Carers. In Österreich sind es mindestens 3,5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen. Sie helfen beim Aufstehen, versorgen Geschwister, übernehmen Pflegehandlungen oder tragen viel emotionale Verantwortung. Für sie ist das selten eine bewusste Entscheidung, sondern Teil ihres Alltags. Gerade diese Selbstverständlichkeit führt oft zur Isolation.
Was all diese Gruppen verbindet, ist nicht nur die Pflege, sondern das Gefühl, mit dieser Verantwortung allein zu sein. Deshalb sind Begegnungsräume, Entlastungsangebote und gesellschaftliche Anerkennung so wichtig. Religiöse Einrichtungen, NGOs. insgesamt die Zivilgesellschaft ist hier gefragt. Einsamkeit von pflegenden Angehörigen ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem. Wer pflegt, braucht nicht nur praktische Hilfe, sondern auch soziale Verbundenheit. Pflege macht einsam - wenn sie nicht gemeinsam getragen wird.
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Edgar Meyer
Album: MUSIC FOR TWO - BELA FLECK & EDGAR MEYER
Titel: Canon - für Banjo und Kontrabaß (ZEIT OHNE APPLAUS)
Solist/Solistin: Bela Fleck /Banjo
Solist/Solistin: Edgar Meyer /Kontrabaß
Länge: 04:27 min
Label: Sony Classical SK 92106
