Zwischenruf
Ansehen und Begegnung auf Augenhöhe
von Martin Schenk, stellvertretender Direktor der Diakonie
11. Jänner 2026, 06:55
Sie ist eine Bedrohung, die leicht in der Luft, aber schwer auf Körper und Geist liegt. Soziale Scham ist nicht bloß ein harmloses persönliches Gefühl. Beschämung ist eine soziale Waffe. Der jeweils Mächtigeren. Ich werde zum Objekt des Blickes anderer gemacht. Andere bestimmen wie ich - und wie ich mich - zu sehen habe. Ich werde meiner eigenen Perspektive auf die Welt beraubt.
Das ist ein massiver Eingriff in die Integrität einer Person. Betroffene fürchten in diesen Augenblicken "ihr Gesicht zu verlieren" und wissen ihr Ansehen bedroht. Man möchte im Erdboden versinken. Unsichtbar werden. Scham ist die große Begleiterin von Armut und mit der Frage des Blickes direkt verbunden. Adam Smith hat das bereits 1776 in seinem Klassiker "Der Wohlstand der Nationen" festgehalten: "Arm ist man, wenn es unmöglich ist, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, ohne sich zu schämen." Es geht um die Freiheit, über die eigene Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit verfügen zu können.
Beschämung ist eine Frage des Blickes und des An-sehens. Wenn wir von "Personen" sprechen, reden wir altgriechisch vom "Angesicht", vom Antlitz, vom Gesicht, "was man sehen kann". Für den Philosophen Philipp Pettit heißt deswegen auch "gerechte Freiheit" andere auf Augenhöhe anzusehen, auf Augenhöhe zu begegnen. Er schlägt hier den "Blickwechsel Test" vor: also zu testen, ob man einander ohne Grund zur Angst oder Ergebenheit in die Augen schauen kann.
Scham kann bei sozial Benachteiligten aber auch eine - brüchige - Form des Selbstschutzes sein. Menschen am finanziellen Rand versuchen, solange es ihnen möglich ist, die Normalität nach außen aufrecht zu erhalten. Die Kinder sollen mit den anderen mitkönnen, die Nachbarn brauchen sich nicht den Mund zu zerreißen. Es ist eine Form der Selbstachtung, ein Selbstschutz, das Gesicht vor den anderen nicht zu verlieren. Bei Wohnungslosen, die resigniert haben, macht sich frische Lebenskraft bemerkbar, wenn sie sich wieder pflegen, duschen, auf ihr Äußeres schauen können. Scham ist im guten Sinne die Wächterin der Privatheit und der Intimität. Jeder Mensch möchte vom anderen gefunden und (an)erkannt werden, jeder hat aber auch das Recht, in seiner Selbstverborgenheit verbleiben zu dürfen. Es ist "eine Freude, verborgen zu sein, aber eine Katastrophe, nicht gefunden zu werden", formulierte Psychoanalytiker Donald Winnicott.
Im Kern ist die Funktion von Beschämung aber Menschen klein zu halten. Sie rechtfertigt die Bloßstellung und Demütigung als von den Beschämten selbst verschuldet. Sie ist nicht nur eine soziale Waffe gegen die Armen, sondern auch eine Waffe gegen die Solidarität. Beschämung ist die gute Freundin derer, die spalten - und die giftige Feindin des Miteinander.
Es geht immer um die Freiheit, über die eigene Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit verfügen zu können. Einander An-Sehen. Da hilft der Blickwechseltest. Er fragt: Können wir einander ohne Grund zur Angst oder Unterwerfung in die Augen schauen?
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Ustad Shakat Hussain
Album: MADAR
Titel: Jaw/instr.
Solist/Solistin: Jan Garbarek /Saxophon
Ausführender/Ausführende: Anouar Braham /Ud
Ausführender/Ausführende: Ustad Shaukat Hussain /Tabla
Länge: 08:04 min
Label: ECM 5190752
