Zwischenruf

Wider das Recht des Stärkeren

von Stefan Schröckenfuchs, Superintendent der evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich

Ich glaube nicht
an das Recht des Stärkeren
an die Sprache der Waffen
an die Macht der Mächtigen

Doch ich will glauben
an das Recht des Menschen
an die Macht der Güte
an den Frieden auf Erden

Dieses Glaubensbekenntnis, formuliert von dem Theologen Fridolf Heydenreich, habe ich zu Jahresbeginn mit einer Gruppe Jugendlicher gesprochen. Wenig später berichteten die Medien über den US-Schlag in Venezuela, der von zahlreichen Fachleuten als Verstoß gegen das Völkerrecht gewertet wird. Worauf ein Jugendlicher sarkastisch anmerkt: "Das mit dem Gebet für Frieden und Gerechtigkeit hat ja prima funktioniert."

Ich kann ihn gut verstehen! Auch ich bin fassungslos darüber, wie sehr Egoismus, Habgier und das Recht des Stärkeren heute wieder salonfähig geworden sind. Und nirgendwo ist etwas zu sehen von einem Gott, der diesem Treiben ein Ende setzt. Ein Gott, der mit himmlischer Macht Tyrannen und Möchtegerndiktatoren in die Schranken weist und Ordnung in unsere in Unordnung geratene Welt bringt: Er fehlt mir schmerzlich!

Dennoch ist mir mein Glaube an meinen Gott nicht abhandengekommen. Jener Gott, der mir in so vielen Geschichten der Bibel begegnet, wird mir sogar immer wichtiger: Denn es ist ein Gott, der sich kategorisch an die Seite der Schwachen, Unterdrückten und Versklavten stellt und für sie Partei ergreift (z.B. Ex. 3,7-8). Ein Gott, der seine Propheten verkünden lässt, dass es nichts Wichtigeres, nichts Heiligeres gibt, als dass man gerecht handelt, barmherzig miteinander umgeht und achtsam lebt (z.b. Micha 6,8).

Jener Gott, der sich in der Geschichte Jesu zu erkennen gegeben hat: von Geburt an angewiesen auf die Fürsorge anderer Menschen, wie es uns die Weihnachtsgeschichte erzählt. (Luk 2) Voller Hingabe und Leidenschaft für die, die krank, benachteiligt und an den Rand gedrängt waren (Mt 9,35f). Träumend von einer Welt, in der sich die Armen glückselig preisen können - gemeinsam mit allen, die den Frieden lieben und deren Herz für Gerechtigkeit brennt (Mt 5)

Liebe zu den Mitmenschen hat dieser Jesus gefordert: fürsorgliche Liebe zueinander war für ihn das höchste Gebot und das erstrebenswerteste Ziel (Mk 12,30). Solche Liebe war für ihn kostbarer als aller Reichtum, als jede Form der Anerkennung (Lk 12,15). Ja, sie war ihm sogar kostbarer als das eigene Leben (Joh 15,13). So ist dieser Jesus, dieser größte Freund der Menschen, auch gestorben: ohnmächtig, weil er die Machtspiele der Mächtigen nicht mitgespielt hat (Joh 18). Und doch als ein Hoffnungszeichen für die ganze Welt: ein Zeichen dafür, dass Hingabe und Fürsorge, oder schlichtweg Menschlichkeit nicht sinnlos sind (Joh 3,16). Im Gegenteil: Liebe hat Bestand, und sie überdauert auch den Tod (1. Kor 13,8).

Gerade in einer Zeit, in der das Recht des Stärkeren gepriesen wird und der Erfolg die Mittel heiligen darf, kann und will ich nichts anderes, als an den Gott zu glauben, der sich auf die Seite der Schwachen und Gebeugten stellt. Ich kann und will nicht anders als auf den Gott zu hoffen, der die Welt von unten her verändert: durch Liebe, durch Güte, durch das Festhalten am Recht und durch die Kraft der Vergebung. Darum umso mehr:

Ich glaube nicht
an das Recht des Stärkeren
an die Sprache der Waffen
an die Macht der Mächtigen

Doch ich will glauben
an das Recht des Menschen
an die Macht der Güte
und an den Frieden auf Erden

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Franz Liszt
Album: LISZT: DAS GESAMTWERK FÜR SOLOKLAVIER, Vol.26
Titel: Feuille d'Album für Klavier Nr.2 in a-moll S.167 (Transkription seines Liedes "Die Zelle in Nonnenwerth", dritte Fassung)
Albumblatt
Gesamttitel: DER JUNGE LISZT
Solist/Solistin: Leslie Howard /Klavier
Länge: 05:45 min
Label: Hyperion CDA 66771 / 667712

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