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Punkt eins
Risse im System Fidesz
Ungarn im Wahlkampf und Orbán "mit dem Rücken zur Wand". Gast: Ernst Gelegs, Journalist, ORF-Büro Budapest 1999-2025. Moderation: Xaver Forthuber. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
22. Jänner 2026, 13:00
"Der Mythos Orbán verblasst". Das sagte der ungarische Politikwissenschafter Gábor Györi im Mai letzten Jahres zum SRF. Grund war der beispiellose Aufstieg eines ernstzunehmenden Oppositionskandidaten in Budapest. Der Fidesz-Abtrünnige Péter Magyar, der die konservative TISZA-Partei übernommen hat, kritisiert Korruption und Misswirtschaft, zeigt sich glaubwürdig bei Sozialthemen und legt Pläne für Demokratisierung und wirtschaftlichen Aufschwung vor. Mit dem Ergebnis, dass sich die Orbán-Gegnerinnen hinter ihm scharen.
Und die sind zahlreich, wie sich wenig später geradezu symbolhaft zeigte. Im Juni verlor Orbán spektakulär eine Kraftprobe mit dem Bürgermeister von Budapest: Die Pride Parade, die die Regierung verbieten wollte, fand nicht nur statt, sie geriet zu einer Großdemonstration gegen das Regime. Internationale Medien sprachen vom "größten Protestmarsch in der Geschichte Ungarns", einem "Wendepunkt", dem "Countdown für das Ende" von Orbáns Herrschaft und einem starken Lebenszeichen eines selbstbewussten ungarischen Volkes. Um den Widerstand auch politisch zu kanalisieren, fehlte es in Ungarn bisher an einer starken und geeinten Opposition; mit TISZA hat sich das nun geändert, Magyar liegt derzeit in allen unabhängigen Umfragen an der Spitze.
Viktor Orbán steht also mit dem Rücken zur Wand, sagt Ernst Gelegs. Der ORF-Journalist war die letzten 26 Jahre als Osteuropakorrespondent in Budapest tätig und hat bis Ende 2025 das dortige ORF-Büro geleitet. Somit kann er auch sehr gut erklären, was jetzt passiert: Orbán schlägt um sich. Die EU-Kommission als Kriegstreiberin, die ungarische Bürger gegen Russland an die Front schicken würde, Magyar als ihre Marionette - und nur noch "eine letzte Wahl vor dem Krieg", bei der Orbáns Fidesz als einzige Partei den Frieden garantieren könne. Ohne Orbáns schützende Hand drohe der Bevölkerung außerdem Chaos und Massenarmut. Die Propaganda-Maschine läuft auf Hochtouren - die Grundlagen für diese "Fake-News-Schleuder" hat Orbán systematisch aufgebaut.
Der Langzeit-Premierminister, der in seiner ersten Amtszeit als Anführer einer Dreierkoalition ab 1998 noch als besonnen galt, kam 2010 erneut an die Macht - diesmal mit einer Zweidrittelmehrheit ausgestattet. Und er begann sofort "durchzuregieren" - bezeichnenderweise mit einem Mediengesetz, das die unabhängige Berichterstattung im Land praktisch zugrunde richtete. Auch ausländische Medien wie der ORF waren Druck und Interventionsversuchen ausgesetzt, erinnert sich Ernst Gelegs. Mittlerweile sind alle demokratischen Kontrollinstanzen in Ungarn praktisch wirkungslos: Von der Justiz bis hin zu NGOs. Internationale Beobachter:innen sind sich einig, dass Ungarns Demokratie eine "gemanagte" ist; das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte der OSZE bezeichnet die ungarischen Wahlen schon seit geraumer Zeit als "frei, aber nicht fair".
Wie erleben die Wähler und Wählerinnen in Ungarn derzeit das politische System? Werden die kommenden Parlamentswahlen ein echtes Instrument demokratischer Willensbildung sein? Und wenn es zu einem Machtwechsel kommt, wie geht es dann weiter? Ernst Gelegs ist zu Gast bei Xaver Forthuber. Reden Sie mit uns über Ungarn: Rufen Sie in der Sendung an unter 0800 22 69 79 oder schreiben Sie ein E-Mail an punkteins(at)orf.at.
Sendereihe
Playlist
Urheber/Urheberin: Johann Sebastian Bach
Titel:
Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit, Sonatina aus "Actus tragicus", BWV 106
Ausführender/Ausführende: Márta Kurtág & György Kurtág
Länge: 02:19 min
Label: ECM
Urheber/Urheberin: Johann Sebastian Bach
Titel:
Aus tiefer Not schrei ich zu dir, BWV 687
Ausführender/Ausführende: Márta Kurtág & György Kurtág
Länge: 05:23 min
Label: ECM Records
Urheber/Urheberin: Johann Sebastian Bach
Titel:
O Lamm Gottes unschuldig, BWV Deest
Ausführender/Ausführende:
Márta Kurtág & György Kurtág
Länge: 03:55 min
Label: ECM Records
