PICTUREDESK.COM/SZ-PHOTO/WOLFGANG FILSER
Punkt eins
Forsche - und rede drüber!
Wege und Abwege von Wissenschaftskommunikation. Gast: Astrid Séville, Professorin für Politikwissenschaft, Leuphana Universität Lüneburg, Leiterin des Zentrum für Demokratieforschung. Moderation: Alexander Musik. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
23. Jänner 2026, 13:00
Forschen im Elfenbeinturm war gestern, heute wird von Universitäten, Thinktanks und Forschungseinrichtungen aller Art erwartet, sich zu öffnen, Forschungsinhalte und -ergebnisse zu teilen und so aufzubereiten, dass die Öffentlichkeit sie auch versteht. Wir haben es mit einer "Eventisierung von Wissen" zu tun, stellt die Politikwissenschaftlerin Astrid Séville fest. "Kitsch und Krise. Zur Rolle der Wissenschaftskommunikation in der Gegenwart" heißt der Vortrag, den Séville am Freitag im Vorfeld des 11. Wissenschaftsballs hält.
Als Teil der so genannten Third Mission - neben den Aufgaben Lehre und Forschung - sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer stärker aufgefordert, in Dialog und Austausch zu treten.
Öffentlichkeitsarbeiter und PR-Stäbe vermitteln dafür die nötigen Expert:innen, kreieren gut verdauliche Social-Media-Formate zum zeitgemäßen Wissenstransfer, organisieren Debatten oder Wanderausstellungen - die Kommunikationskanäle sind so vielseitig wie die Inhalte. Es geht dabei natürlich nicht immer nur um eine bessere Welt. Es geht um Sichtbarkeit, Reichweite, Imagebildung und Forschungsgelder.
"Wissenschaftskommunikation kann zeigen, welchen Beitrag Wissenschaft zum Verständnis und zur Beantwortung gesellschaftlicher Fragestellungen leisten kann", heißt es im Online-Portal der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): "Die Wissenschaften wiederum gewinnen im Dialog mit ihren Zielgruppen Impulse für die Forschung und ihre eigene Verortung in der Gesellschaft. Wissenschaftskommunikation beruht somit auf einem wechselseitigen Verhältnis."
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) versucht es u.a. mit "zeitgemäßer, inklusiver Wissenschaftskommunikation für eine Zielgruppe von 10- bis 14-Jährigen"; das dazugehörige Projekt nennt sich "FÄKT": "Soziale Medien sollen nicht Verschwörungstheoretikern und Wissenschaftsfeinden überlassen bleiben", heißt es zur Begründung: "Es gilt, diesen Stimmen ein Format auf Augenhöhe entgegenzusetzen, das wissenschaftsbasierte Inhalte möglichst verständlich und niederschwellig vermittelt."
"Die gegenwärtige Beschwörung von Wissenschaftskommunikation erscheint selbst als Symptom der Krise", diagnostiziert Astrid Séville, Professorin für Politikwissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg und Leiterin des dortigen Zentrum für Demokratieforschung. Immer öfter, so Séville, gerieten Forscher:innen, die in die Öffentlichkeit treten, in Ideologieverdacht oder würden gewissermaßen vorgeführt - als bloße Bestätigung der Überzeugung von Entscheidungsträgern, die die Forschenden dafür instrumentalisiert haben.
Séville fordert Skepsis ein, denn "Wissenschaft produziert keine endgültigen Wahrheiten, sondern vorläufige, kontextabhängige Wissensansprüche. Sie differenziert, problematisiert und erzeugt Ambivalenzen." Mitunter könne Kommunikation auch auf Abwege geraten: "Wissenschaftskommunikation droht dort kitschig zu werden, wo sie mehr verspricht, als sie leisten kann: wenn sie gesellschaftliche Verständigung garantiert, politische Konflikte als Kommunikationsprobleme missversteht und die eigene Rolle im Spannungsfeld von Wissen, Politik und Öffentlichkeit nicht reflektiert."
Alexander Musik diskutiert mit Astrid Séville über sinnvolle und falsch verstandene Wissenschaftskommunikation und Skepsis als "zentrales Bindeglied zwischen Wissenschaft und Demokratie".
Wie immer sind Sie eingeladen mitzudiskutieren: Anrufe kostenlos aus ganz Österreich unter 0800 22 69 79
Wie skeptisch sind Sie gegenüber Wissenschaft, die gesellschaftliche Krisen oder Schieflagen erklären will? Spielt es dabei eine Rolle, auf welchem Weg Sie wissenschaftliche Botschaften erreichen? Halten Sie es für eine gesellschaftliche Errungenschaft, dass Wissenschaft sich mehr und mehr "erklären" muss?
E-Mails an punkteins(at)orf.at
Service
Astrid Séville: "Kitsch und Krise. Zur Rolle der Wissenschaftskommunikation in der Gegenwart." 23. Jänner 2026, 16 Uhr, Festsaal der ÖAW, Ignaz-Seipel-Platz 2, 1010 Wien. Anmeldung
Sendereihe
Gestaltung
- Alexander Musik
