Passagiere steigen in einen ICE in Deutschland

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Punkt eins

Warum diskutieren, wenn man zuschlagen kann?

Aggression im öffentlichen Raum. Gäste: PD Dr. Reinhard Kreissl, Soziologe, Wiener Zentrum für sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung (VICESSE); Prof. Dr. mult. Mario Staller, Psychologe und Sozialwissenschafter, HSPV Nordrhein-Westfalen. Moderation: Xaver Forthuber. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Es begann mit einer normalen Fahrscheinkontrolle im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz; einen Tag später war der Zugbegleiter tot. Der Mann, der keinen Fahrschein vorweisen konnte und deswegen den Zug verlassen sollte, reagierte mit Faustschlägen gegen den Kopf des Mitarbeiters, der dann im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Ein "schrecklicher Gewaltexess", aber kein Einzelfall, hielt die Vorstandschefin der Deutschen Bahn in ihrer Reaktion fest: "Wir alle müssen uns die Frage stellen, warum es immer wieder zu solchen Gewaltausbrüchen kommt." Nur eine Woche später wurden in der Steiermark zwei Zugbegleiter:innen von einem offenbar betrunkenen Fahrgast attackiert. Eine Mitarbeiterin trug eine schwere Verletzung davon, der Täter versuchte daraufhin noch zu flüchten.

Vier von fünf deutschen Eisenbahnbediensteten mit Kund:innenkontakt haben schon mindestens einmal einen Übergriff erlebt, erhob die Gewerkschaft EVG 2024. In Österreich wurden im selben Jahr 231 Zugbegleiter:innen attackiert und 59 verletzt. Und auch andere Berufsgruppen, die im öffentlichen Raum operieren - von Einsatzkräften über die Parkraumüberwachung bis zu Handel und Gastronomie - berichten immer wieder von Aggression und Gewalthandlungen, viele geben auch an, sich grundsätzlich nicht mehr sicher zu fühlen. Die ÖBB haben für Mitte der Woche einen "Runden Tisch" mit Einbindung der betroffenen Berufsgruppen und der zuständigen Ministerien angekündigt, um schnelle Lösungen zu erarbeiten.

In Deutschland hat ein solcher Gipfel schon am Freitag stattgefunden. Die Eisenbahngewerkschaften hatten eine flächendeckende Doppelbesetzung in allen Zügen, die umfassende Ausstattung mit Bodycams und höhere Strafen für Übergriffe gegen die Mitarbeiter:innen gefordert. Das zusätzliche Personal aufzutreiben und zu finanzieren, könnte allerdings schwierig werden, berichtete im Vorfeld die "Augsburger Allgemeine". Deutschlands Polizeigewerkschaft sprach sich indessen für verstärkte Polizei-Streifen in Zügen aus; die erforderlichen Kräfte könnten etwa aus dem Grenzschutz verlagert werden, eine verstärkte Polizeipräsenz in Bahnhöfen und Zügen würde ein "anderes Sicherheitsbild" schaffen, zitiert die "Rheinische Zeitung" den Gewerkschaftsvorsitzenden der Bundespolizei. Noch am Freitag wurde dann ein "Aktionsplan" angekündigt, unter den Maßnahmen sind "bessere Schutzausrüstung", ein stiller Notruf sowie "mehr Verhaltens- und Deeskalationskurse", berichtete die dpa.

Einen zweiten Mitarbeiter oder Mitarbeiterin pro Garnitur und zusätzlich eine "Eisenbahnpolizei" forderte auch der Konzernbetriebsratsvorsitzende der ÖBB und Vorsitzende der Gewerkschaft vida, Roman Hebenstreit. "Wir können nicht länger zusehen, wie unsere Kolleginnen und Kollegen täglich ihre Gesundheit und im schlimmsten Fall ihr Leben riskieren, nur um Menschen sicher an ihr Ziel zu bringen", sagte er in einer Aussendung, und: "Deeskalationstraining allein ist kein Schutzschild gegen hemmungslose Gewalt". Die ÖBB verwiesen auf bereits gesetzte Maßnahmen, neben den Schulungen seien das "Ausstattung mit Body-Cams, Schwerpunktaktionen sowie Begleitung durch Polizisten oder Sicherheitsmitarbeiter" und Sensibilisierungskampagnen für die Fahrgäste. Aber auch der Konzern gestand aufgrund der aktuellen Vorfälle zu, es brauche nun "angepasste Strategien im Umgang mit dem gestiegenen Aggressionspotenzial im öffentlichen Raum".

Ist die gesellschaftliche Aggression wirklich im Steigen? Was sind die Wurzeln sozialer Konflikte im Alltag, und wie kommt es, dass sie manchmal dermaßen eskalieren? Was sind wirklich wirksame Strategien - und wer kann wie dazu beitragen, Konflikte zu entschärfen? Was beeinflusst das "Sicherheitsbild" und unser Sicherheitsgefühl in der Öffentlichkeit? Das und mehr fragt Xaver Forthuber seine Gäste. Mit den Sicherheitsaspekten sozialen Verhaltens, mit Devianz und sozialer Kontrolle beschäftigt sich der Soziologe Reinhard Kreissl - er ist Gründer und Direktor des Wiener Zentrums für sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung (Vienna Centre for Societal Security, VICESSE). Mario Staller ist Professor für Psychologie und Training sozialer Kompetenzen an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; zusammen mit Kollegen führt er auch das "Institut für professionelles Konfliktmanagement", das Trainings zum Umgang mit Gewalt und Konflikten anbietet.

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