Weiße Feder

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Punkt eins

Care Leaver: Plötzlich erwachsen?

Wie es nach der Kinder- und Jugendhilfe weitergeht. Gäste: FH-Prof. Dr. Christina Lienhart, Erziehungswissenschaftlerin und Sozialarbeiterin, MCI Internationale Hochschule GmbH & Rebecca Blattner, Vorstandsmitglied Verein Care Leaver Österreich. Moderation: Marina Wetzlmaier. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Im Alter von zwei Jahren kam Rebecca Blattner ins Vorarlberger Kinderdorf, weil sich ihre Eltern nicht um sie kümmern konnten. Sie verbrachte dort ihre Kindheit und Jugend, bis sie mit 18 ausziehen musste - so wie viele junge Menschen, die in Heimen, Wohngruppen, Pflegefamilien oder anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe untergebracht sind. In der Fachsprache werden sie "Care Leaver" genannt, junge Erwachsene, die die Betreuung verlassen. Mit 18 Jahren - im Bedarfsfall mit spätestens 21 - endet ihr Anspruch auf Kinder- und Jugendhilfe. Danach wird erwartet, dass sie ihr Leben selbständig meistern: eine Wohnung suchen, finanziell stabil sind, Anträge und Formulare ausfüllen und ihren Alltag organisieren. Viele sind dabei auf sich allein gestellt, weil oft der familiäre Rückhalt fehlt. In die Betreuung zurückzukehren, ist für die jungen Erwachsenen rechtlich nicht möglich.

"Die sozialen Netze von Care Leavern sind grundsätzlich kleiner," sagt Christina Lienhart, die seit über zwanzig Jahren im Bereich Kinder- und Jugendhilfe forscht, vor allem über Betreuungsformen außerhalb der Familie und Übergangsprozesse. Laut Studien haben Care Leaver ein höheres Armutsrisiko, erleben häufiger soziale Isolation und haben kürzere Bildungswege als Gleichaltrige, die länger von der Familie unterstützt werden können. Im Durchschnitt leben junge Menschen in Österreich bis zu ihrem 25. Lebensjahr zuhause.

Für Rebecca Blattner war die Zeit nach dem Auszug eine Herausforderung. Das Geld habe kaum gereicht und ihr fehlte die emotionale Unterstützung. Heute ist sie ehrenamtlich im Vorstand von Care Leaver Österreich aktiv, ein Selbstvertretungsverein, gegründet und geführt von jungen Erwachsenen, die unterschiedliche Erfahrungen mit der Kinder- und Jugendhilfe gemacht haben. Die Mitglieder engagieren sich in ganz Österreich und beraten andere Care Leaver bei Themen wie Wohnen, psychische Gesundheit und Weiterbildungen. Gleichzeitig weisen sie auf strukturelle Mängel hin und stellen politische Forderungen, wie eine Verlängerung der Jugendhilfe bis 26. Der Verein beteiligt sich ebenso an Forschungsprojekten.

Christina Lienhart betont, wie wichtig die Zusammenarbeit mit Selbstvertretungsorganisationen sei. Care Leaver seien außerdem keine "homogene Gruppe", sondern haben vielfältige Lebenserfahrungen und Bedürfnisse. Diese Erfahrungen sind Thema einer Fachtagung zum internationalen Care Day am 20. Februar an der Universität Innsbruck, die Vertreter:innen aus Praxis, Wissenschaft und Politik vernetzen soll.

Rebecca Blattner und Christina Lienhart sind Gäste bei Marina Wetzlmaier und sprechen darüber, wie es für Jugendliche und junge Erwachsene nach der Kinder- und Jugendhilfe weitergeht. Wie gut werden sie in den Einrichtungen auf ein selbständiges Leben vorbereitet? Wie kann der Übergang ins Erwachsensein gut gelingen? Welche sozialen Netzwerke sind wichtig? Welche Anlaufstellen gibt es für die Zeit nach dem Auszug und wo besteht noch Handlungsbedarf? Mit welchen gesellschaftlichen Erwartungen sind junge Erwachsene konfrontiert und wie gehen Care Leaver damit um?

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