Zwischenruf
Vom Mehrwert des Verzichtes
von Jutta Henner, Direktorin der Österreichischen Bibelgesellschaft
22. Februar 2026, 06:55
Fasten boomt: Heilfasten, Saftfasten, Intervallfasten - um nur einige Praktiken zu nennen, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. Immer geht es darum, in einem begrenzten Zeitraum bewusst und freiwillig auf etwas zu verzichten. Das kann ein Verzicht auf Nahrung oder Getränke sein, aber auch "Autofasten", der Verzicht auf gewohnte Mobilität, oder "digitales Fasten", der Verzicht auf Smartphone, Internet und soziale Medien.
Die Motivationen für den Verzicht sind verschieden. Manchmal geht es um Selbstoptimierung, darum, etwas für die eigene Gesundheit zu tun oder das Gewicht zu reduzieren. Manchmal wird die Zeit der "Reduktion" gesucht, um das eigene Leben neu zu ordnen und einmal zur Ruhe zu kommen.
Fasten ist keine moderne Erfindung. Religionen kennen Fasten als heilsame spirituelle Praxis. Auch für die Bibel ist Fasten selbstverständlicher Ausdruck des Glaubens an Gott. Beim Fasten in der Bibel geht es darum, die eigene Person zurückzunehmen, loszulassen, gelassen und dankbar zu werden, um dann in erneuerter Weise Gott und den Menschen begegnen zu können. Die Bibel weiß um die Kraft von Fasten, das - von Gebet begleitet - Raum schafft, den Gott mit seiner Gegenwart füllen kann. Die zeichenhaft im Fasten erfahrene Reduktion schärft die Wahrnehmung für das, was Gott zu sagen hat und für die Menschen in der Nähe. Es bereitet auch für wichtige Entscheidungen vor.
Die Bibel weiß allerdings auch, dass Fasten, wenn es nur als lästige religiöse Pflichterfüllung gesehen wird, seinen Sinn verfehlt. Fasten ist der Bibel zufolge keine religiöse Leistung, mit der man andere beeindrucken oder Gott zu einer Belohnung zwingen kann. Der Prophet Jesaja in der Hebräischen Bibel übt herbe Kritik an seinen Zeitgenossen und deren Fastenpraxis, die nicht im Sinne Gottes sei: "Was tut ihr denn an den Fastentagen? Ihr geht euren Geschäften nach und treibt eure Untergebenen zur Arbeit an! Ihr fastet nur, um Zank und Streit anzuzetteln und mit roher Gewalt zuzuschlagen. So wie ihr jetzt fastet, findet eure Stimme im Himmel kein Gehör." (Jes 58,3f.)
Fasten im biblischen Sinn hat Gott und die Mitmenschen im Blick, sieht ab von sich selbst und hin auf die Not anderer! Jesaja lässt keinen Zweifel daran, wie Gott sich Fasten vorstellt: "Das wäre ein Fasten, wie ich es liebe: Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende! Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten!
Dann antwortet der Herr, wenn du rufst." (Jes 58,6-9)
Man könnte es sogar so lesen: Praktische Zuwendung und Hilfe für die anderen, die meine Hilfe benötigen, ist wichtiger als Fasten. Jesaja schärft das nicht nur seinen Zeitgenossen ein: "Schaff die Unterdrückung bei dir ab, zeig auf niemanden mit dem Finger und unterlass üble Nachrede. Nimm dich des Hungrigen an und mach den Notleidenden satt." (Jes 58,9f.) Ein geradezu politisches Programm, das seine Bedeutung durch die Jahrtausende hindurch behalten hat.
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Christian Friedrich Henrici < Picander >
Album: EDITION BACHAKADEMIE VOL. 27: KANTATEN BWV 83-86, Rilling
* 8. Ich esse mit Freuden mein weniges Brot - Nr.3 Aria (00:04:31)
Titel: Ich bin vergnügt mit meinem Glücke BWV 84 - Kantate zum Sonntag Septuagesimae
Solist/Solistin: Arleen Auger /Sopran
Chor: Gächinger Kantorei
Orchester: Württembergisches Kammerorchester Heilbronn
Leitung: Helmuth Rilling
Länge: 04:33 min
Label: Hänssler Classic Ed. Bachakademie 92027
