LENA GÖBL
Gedanken für den Tag
Verzicht als Weg zur Freiheit
Gedanken zum muslimischen Fastenmonat Ramadan von Adis erifovic, Vorsitzender der Muslimischen Jugend Österreichs
24. Februar 2026, 06:57
Verzicht klingt nach Mangel, nach weniger, nach Einschränkung. Doch was, wenn Verzicht das Gegenteil bewirkt - wenn er nicht einengt, sondern befreit?
Die Verhaltenspsychologie kennt das Phänomen der "Entscheidungsmüdigkeit": Je mehr Wahlmöglichkeiten man hat, desto erschöpfter wird man. Paradoxerweise macht das vermeintlich grenzenlose Angebot nicht glücklicher, sondern überfordert. Der bewusste Verzicht reduziert Komplexität und schafft Klarheit.
Im Ramadan wird vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken verzichtet. Nicht, weil diese Dinge schlecht wären, sondern gerade, weil sie wichtig sind. Der bewusste Verzicht macht für mich sichtbar, wie sehr ich von Gewohnheiten gesteuert werde. Der Griff zum Kaffee am Morgen, der Snack zwischendurch - vieles geschieht automatisch, ohne dass ich es wirklich wahrnehme.
Wenn diese Automatismen für eine Zeit ausgesetzt werden, entsteht Raum. Raum zum Nachdenken, zum Innehalten, zum bewussten Entscheiden. Die Forschung zur Willenskraft zeigt: Selbstregulation ist wie ein Muskel, der trainiert werden kann. Wer lernt, mit Verzicht umzugehen, entwickelt emotionale Resilienz.
Der Verzicht im Ramadan ist zeitlich begrenzt. Das ist wichtig. Er ist kein asketischer Selbstzweck, sondern eine Übung. Eine Übung darin, unterscheiden zu können zwischen dem, was ich wirklich brauche, und dem, was nur Gewohnheit ist. In einer Gesellschaft, die mir einredet, Freiheit bedeute unbegrenzte Wahlmöglichkeiten, ist der Gedanke provokant: Vielleicht liegt wahre Freiheit gerade darin, auch nein sagen zu können.
Service
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Johannes Brahms
Album: Per aspera ad astra
* Nr. 2: Intermezzo a-Moll. Andante
Titel: 7 Fantasien für Klavier, op. 116
Solist/Solistin: Andrey Denisenko
Länge: 04:23 min
Label: Genuin GEN24852
EAN: 4260036258523
