Zwischenruf
Die transformative Kraft der Wut
von Milena Heussler, evangelisch-reformierte Theologin
8. März 2026, 06:55
Wenn mir Ungerechtigkeit begegnet, wenn meine Grenzen oder die anderer verletzt werden, ich in Konflikten stehe, dann muss ich oft beginnen zu weinen. Ich könnte dieses Phänomen auch anders beschreiben: Wenn ich wütend werde, muss ich weinen.
Schon seit Jahren frustrieren mich diese Tränen. Warum muss ich weinen, warum wirke ich traurig, wenn ich ausdrücken will, dass für mich etwas gar nicht passt? Wenn ich eigentlich sagen will: Hier wurden Grenzen verletzt oder Anliegen ignoriert, und das ist nicht richtig. Doch meine Tränen spiegeln diese Gefühle nicht adäquat wider. Sie sagen nicht: Ich bin wütend und will, dass sich etwas an dieser Situation verändert. Meine Tränen sagen: Ich bin traurig. Und Trauer hat etwas Resignatives. Mit meinen Tränen verpufft etwas von der Energie, die ich eigentlich in meiner Wut empfinde.
Gefühle tragen Informationen. Sie erzählen etwas darüber, wie wir die Welt erleben. Und Gefühle sind nicht geschlechtsneutral. Forschungen haben mehrfach gezeigt, dass Kinder schon sehr früh lernen, welche Gefühlsausdrücke für Mädchen adäquat sind, und welche für Buben. Und kleine Mädchen haben lange früh verinnerlicht: Wut zeigen, das ist nichts für sie. Wütende Frauen sind laut und werden nicht ernst genommen. Weibliche Wut wird als "hysterisch" abgewertet und in Filmen und Büchern als verrückt dargestellt.
Das Bild der traurigen Frau hingegen, die ihre Gefühle bei sich behält, sie nach innen wendet, tapfer und still mit ein paar Tränen erträgt, dieses Bild ist ebenso weit verbreitet, jedoch kulturell um einiges besser bewertet. Auch in der christlichen Tradition waren es trauernde und traurige Frauen, die jahrhundertelang als Vorbilder hochgehalten wurden: Die Frauen unter dem Kreuz schreien nicht vor Wut über das Unrecht, das Jesus widerfahren ist. Und das stille Hinnehmen und Ertragen des Todes ihres Sohnes wurde lange positiv an der Figur der Maria hervorgehoben.
Die feministische Bewegung, die heute, am achten März, den Kampf um die Gleichberechtigung aller in den Vordergrund stellt, hat weibliche Wut jedoch von Anfang anders bewertet: Sie versteht weibliche Wut, wie es die deutsche Journalistin Teresa Bücker zusammenfasst, zunächst einmal als "eine angemessene Reaktion auf eine existierende Ungerechtigkeit". In feministisch informierten Räumen ist es möglich, diese Wut zu äußern, ohne dass diese belächelt, abgewertet oder abgetan wird. Dann kann hinter den anerzogenen Tränen die Kraft zur Veränderung spürbar werden, die in dieser Wut schlummert. Heute findet man diese Wut auf den Straßen, bei den Frauenmärschen in aller Welt. Und diese Wut erfährt durch den Druck rechtsnationaler Bewegungen derzeit ein neues Moment der Dringlichkeit. Und bei mir selbst? Bei mir selbst finde ich diese Kraft zur Veränderung, wenn ich meine Tränen heute als das Resultat einer gewissen weiblichen Sozialisation akzeptieren und trocknen lassen kann. Ich muss nicht mehr traurig sein. Ich darf wütend sein. Und darin liegt ein großes Moment der Freiheit, die der Feminismus bis heute verspricht.
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Meredith Monk
Album: Dolmen Music
Titel: Gotham Lullaby
Gesamttitel: Meredith Monk: The Recordings / CD 1
Solist/Solistin: Meredith Monk /Stimme, Klavier
Solist/Solistin: Collin Walcott /Percussion, Violine
Länge: 04:19 min
Label: ECM New Series 2750 / 4857334 (12-CD-Box)
