Menschenbilder
Sabine Scholl, Schriftstellerin
"Aus Verletzungen Sinn gewinnen." Die Autorin Sabine Scholl
8. März 2026, 14:05
Die österreichische Schriftstellerin Sabine Scholl hat viel von der Welt gesehen: Nach ihrem Studium der Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft in Wien war sie von 1988 bis 1990 Lektorin an der Universität Aveiro in Portugal, von 1996 bis 2000 lebte und arbeitete sie in Chicago, danach ein Jahr in New York und im Studienjahr 2003/2004 in Nagoya (Japan). Jahrzehnte hat sie in Berlin gelebt, bevor sie 2019 nach Wien zurückgekommen ist.
Sabine Scholl erzählt aber auch von der Enge ihrer Kindheit in Grieskirchen im Hausruckviertel und von der Erfahrung, dass sich die Herkunft in den Körper einnistet, in die Gesten und die sozialen Umgangsformen: "Woher du kommst, bestimmt, wie du dich bewegst, wie du dich setzt, was du mit deinen Händen anfängst und mit deinen Augen", schreibt sie in ihrem 2025 erschienen Buch "Die zweite Haut". Es erzählt und analysiert die paradigmatische Biografie einer Bildungsaufsteigerin ihrer Generation.
Dass Sabine Scholl - noch dazu als Mädchen - überhaupt ein Gymnasium abschließen konnte, grenzt an ein Wunder, denn die gesamte Verwandtschaft war dagegen und hat auch ihre Eltern unter Druck gesetzt. Das Studium in Wien mit abgeschlossener Dissertation war dann die endgültige Flucht aus dem Elternhaus - vor allem vor der Mutter. Dass ihr diese Flucht gelang, war nur um den Preis der Entwurzelung zu haben, denn das Herkunftsmilieu hatte dafür keine Ressourcen: "Das Wissen, das ich von meinen Vorfahren geerbt habe, ist nutzlos in dieser Welt, in die ich aufgebrochen bin. Ich laviere zwischen Weitermachen oder Aufgeben, Widerstand oder Scheitern. Lange werde ich das Gefühl des Verstecken-Müssens nicht los, um in akademischen Kreisen respektiert zu werden."
Als Autorin wichtiger Romane und scharfsinniger Essays wurde Sabine Scholl vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2022 mit dem Preis der Stadt Wien für Literatur. Durch ihr Schreiben hat sie auch die Erfahrung gemacht: Kunst kann aus Verletzungen Sinn gewinnen.
