Brigitte Schwens-Harrant

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Gedanken für den Tag

Mary Shelley, Frankenstein und sein Monster

von Brigitte Schwens-Harrant, Autorin und Feuilleton-Chefin der "Furche"

1816 war das Jahr ohne Sommer. Das Wetter spielte vermutlich aufgrund eines zuvor in Indonesien ausgebrochenen Vulkans verrückt. Schwere Unwetter suchten Mitteleuropa heim. Es war ungewöhnlich kalt.

Die fast 19-jährige Mary Godwin war mit ihrem Geliebten, dem Dichter Percy Bysshe Shelley, bei Lord Byron am Genfersee. Es regnete und regnete und die Freunde vertrieben sich die Zeit, indem sie Gespenstergeschichten lasen. Solche könnte man ja auch selbst verfassen, nahm man sich vor, und jeder machte sich ans Werk.

Aber, so wird die junge Frau später schreiben, "die erlauchten Poeten, verärgert durch die Gewöhnlichkeit der Prosa, ließen rasch von der Aufgabe ab, die ihrer unwürdig war." Sie selbst aber dachte sich eine Geschichte aus, von der sie meinte: "Sie sollte die mysteriösen Ängste unserer Natur ansprechen und schauerliches Grauen erwecken - der Leser sollte es nicht mehr wagen, sich umzusehen, das Blut sollte in seinen Adern erstarren, und sein Herzschlag sollte sich beschleunigen."

Was damals, vor 210 Jahren, entstand, prägte die Literatur- und Filmgeschichte. Es war der Roman "Frankenstein oder der moderne Prometheus". Mary Shelley, wie sie nach ihrer Heirat hieß, erschuf darin ein Monster. Das Grauen, das ihre Literatur hervorruft, beruht aber nicht auf der exakten Beschreibung einer besonders grauenerregenden Gestalt. Es kann daher von noch so aufwändig gestalteten Monstern in Film oder Comic nicht übertroffen werden. Das Grauen kommt aus der Geschichte selbst und hat seinen Grund vor allem bei jenem, der das Monster hergestellt hat: dem Wissenschaftler Victor Frankenstein. Ihm gelingt es, aus toter Materie ein lebendes Wesen herzustellen. Er hat aber vergessen, vor seinem Tun darüber nachzudenken, was er da tut und welche Folgen es haben kann.

Service

Mary Shelley, "Frankenstein oder der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818", aus dem Englischen übersetzt und in neuer Überarbeitung herausgegeben von Alexander Pechmann, Manesse 2017

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Hildur Gudnadottir
Titel: 'Til the End of Time
Album: The Bride!
Ausführende: Hildur Gudnadottir
Länge: 02:51 min
Label: Water Tower Music

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