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Gedanken für den Tag
Mary Shellys Frankenstein: Hybris oder Verantwortung
von Brigitte Schwens-Harrant, Autorin und Feuilleton-Chefin der "Furche"
19. März 2026, 06:57
Für mich ist der vor 210 Jahren entstandene Roman "Frankenstein" ein gutes Beispiel dafür, dass die Literatur oft Vorlagen liefert, die zwar aufgrund der Thematik zu Nachbearbeitungen aller Art reizen, die man aber schwer überbieten kann.
Im Gegensatz zu manch platten Frankensteinadaptionen ist Mary Shelleys berühmter Roman sehr komplex gebaut. Das beginnt mit der Frage, wer hier überhaupt erzählt. Drei männliche Ich-Erzähler sprechen in diesem Roman und alle offenbaren eine Haltung, die, sagen wir einmal so, nicht unbedingt Gutes mit sich bringt.
Da ist der Forscher Robert Walton, der an seine Schwester schreibt. Er ist auf jener Expedition ins Polarmeer, von der er seit seiner Jugend träumt. Er hat den Wissenschaftler Viktor Frankenstein aus dem Eis gerettet und protokolliert in Ich-Form, was Frankenstein ihm erzählt, dass er nämlich aus toter Materie ein lebendes Wesen geschaffen hat und was dann geschah. Walton schickt dieses Manuskript an seine Schwester. In diesem Bericht darf auch das von Frankenstein geschaffene Monster in Ich-Form erzählen, von der Zurückweisung, die es erlebt hat und für die es sich rächt.
Die Geschichte eines Wissenschaftlers, der ein menschliches Wesen erschafft, aber nicht bereit ist, Verantwortung für es zu übernehmen, ist also eingebettet in die Geschichte eines Forschers, der nicht bereit scheint, auf seine Expedition zu verzichten und trotz drohender Gefahren und Bitten seiner Mannschaft zunächst nicht umkehren will, auch wenn das womöglich allen Männern an Bord das Leben kosten würde. Diese kluge Konstruktion zeigt, dass der Roman mehr als eine simple Schauergeschichte ist. Die gerade 19-jährige Mary Shelley erzählt von menschlicher Hybris, die keine Rücksicht nimmt und keine Verantwortung für andere.
Service
Mary Shelley, "Frankenstein oder der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818", aus dem Englischen übersetzt und in neuer Überarbeitung herausgegeben von Alexander Pechmann, Manesse 2017
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Frederic Chopin 1810 - 1849
Album: CHOPIN - WALZER
Titel: Walzer für Klavier in a-moll op.34 Nr.2
Solist/Solistin: Dimitri Alexeev
Länge: 06:09 min
Label: EMI 7475012
