Brigitte Schwens-Harrant

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Gedanken für den Tag

Mary Shelley: Engel oder Staub

von Brigitte Schwens-Harrant, Autorin und Feuilleton-Chefin der "Furche"

"Der letzte Mensch": So heißt der vor 200 Jahren erschienene umfangreiche Roman der englischen Schriftstellerin Mary Shelley, der im Unterschied zu ihrem Debüt "Frankenstein" weniger bekannt ist. Liest man ihn heute wieder, so kann man nur staunen.

Nach einer ausführlichen Geschichte über die handelnden Personen tritt in der Mitte des Buches etwas auf, das alles ändern wird. Eine Pandemie. Die Pest, manchmal ist es Gelbfieber, dann wieder Typhus - entscheidend ist hier nicht der medizinische Begriff, sondern die Beschreibung dessen, was durch die Ausbreitung einer tödlichen Krankheit mit einer Gesellschaft geschieht.

Die Geschichte spielt Ende des 21. Jahrhunderts. Die Engländer hätten doch wirklich, hält der Ich-Erzähler fest, geglaubt, das sie umgebende Meer wäre eine Mauer gegen alles, was von außen drohen könnte. Aber die Pandemie macht sichtbar, dass sich keiner vom anderen abschotten kann. Es kommt die Seuche ebenso vom Festland wie dann in der Folge Flüchtlingsmassen von Amerika und Irland, die über das Land hereinbrechen. Was heute dort geschieht, kann morgen hier geschehen, und auf einmal sind jene, die gerade noch in Schloss Windsor lebten, selbst Flüchtlinge.

Es ist die Zeit der Verführer, der falschen Propheten, die sich als Auserwählte bezeichnen. Panik bricht aus, Geschäfte werden geplündert, gewohnte Regeln und Ordnungen lösen sich auf, die kulturellen Errungenschaften sind in Gefahr. "Sollten unsere stolzen Träume solcherart verblassen?", fragt sich der Ich-Erzähler, der übrigbleibende letzte Mensch. "Wir wurden ‚ein wenig niedriger als die Engel' erschaffen; und siehe! wir waren nicht besser als Eintagsfliegen. Wir hatten uns das ‚Vorbild der Lebendigen' genannt, und siehe! wir waren eine ‚Quintessenz von Staub'."

Service

Mary Shelley, "Der letzte Mensch", übersetzt von Irina Philippi, Reclam 2023

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Frederic Chopin 1810 - 1849
Album: FRIEDRICH GULDA: CHOPIN AND BEYOND
Titel: Prelude für Klavier op.28 Nr.4 in e-moll
Gesamttitel: Chopin pour ma douce
Solist/Solistin: Friedrich Gulda
Länge: 02:03 min
Label: Amadeo 4230462 (2 CD)

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