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Punkt eins
Und sie dreht sich - aber wie
Dem Erdkern so nah: Von den Launen der Erdrotation und des Erdmagnetfelds. Gast: Dr. Ramon Egli, Departementleitung Geophysik des Erdinneren und der Atmosphäre, Conrad Observatorium, GeoSphere Austria - Bundesanstalt für Geologie, Geophysik, Klimatologie und Meteorologie. Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
2. April 2026, 13:00
Wer hat an der Uhr gedreht? Dass wir einen 24-Stunden-Tag haben, verdankt sich der Erdrotation und dass sich die Erde dreht, war buchstäblich weltbewegend. Aber jüngst konnte man verwirrt sein, zeigte doch eine Studie der Uni Wien Mitte März, dass sich die Erde langsamer dreht, der Klimawandel bremst den Planeten, während es im Dezember noch hieß, die Erde drehe sich schneller.
Die Erde dreht sich unterschiedlich schnell, sie schlingert um ihre Achse, der Tag ist manchmal etwas kürzer, manchmal etwas länger als 86.400 Sekunden; langfristig werden die Tage durch die Gezeitenreibung länger. Das sorgt für die Weltzeit und die Atomzeit, den siderischen Tag, den Sterntag und den Sonnentag, für große Herausforderungen - denn auch wenn es nur um Millisekunden geht: die gesamte Satellitentechnik erfordert Präzision - und spannende Forschungsfragen bis ins Erdinnere.
Menschliches Verhalten nimmt offensichtlich Einfluss auf die Erdrotation, in erster Linie in Folge der Wasserverteilung (Grundwasser, Schmelze). Auch Winde und Erdbeben beeinflussen die Drehung der Erde und damit die Tageslänge und nicht zuletzt der Geomagnetismus, das Erdmagnetfeld. Die Erdrotation ihrerseits hat Einfluss auf den "Geodynamo" im Erdkern und verstärkt das lebensnotwendige Magnetfeld, das die Erde durchdringt und umgibt: Es schützt uns vor energiereicher Strahlung aus dem Weltall und dem Sonnenwind, der unsere Atmosphäre erodieren würde.
Wie der Planet selbst, ist auch sein Magnetfeld in ständiger Bewegung: Die magnetischen Pole sind nicht ortsfest, der magnetische Nordpol wandert mit etwa 50 km/Jahr von Kanada nach Sibirien. Neben der Drehgeschwindigkeit ist die genaue Kenntnis der Lage der Achse Voraussetzung für eine präzise Navigation und Zeitmessung. Mehrfach in der Erdgeschichte ist das Magnetfeld zusammengebrochen, immer wieder kommt es zu Polumkehrungen und Polsprüngen.
"Die komplexe Kopplung zwischen so unterschiedlichen Phänomenen an der Erdoberfläche und im Erdinneren sowie deren Auswirkungen auf die Erdrotation bildet gewissermaßen die "Brille", durch die wir einen Blick in die innere Struktur der Erde werfen können", sagt Ramon Egli, Leiter des Departments für Geophysik des Erdinneren und der Atmosphäre bei GeoSphere Austria - Bundesanstalt für Geologie, Geophysik, Klimatologie und Meteorologie. Unser Wissen über den Erdkern speist sich wesentlich aus der Erforschung der Erdrotation und des Erdmagnetfelds.
Als Gast bei Barbara Zeithammer in Punkt eins skizziert der Geophysiker Ramon Egli die Erde vom Kern bis zum unsichtbaren Magnetfeld, wirft Blicke in die Geschichte und Entwicklung des Magnetfelds und gibt Einblicke in den Forschungsalltag im Conrad Observatorium, einer unterirdischen, geophysikalischen Forschungseinrichtung in Muggendorf in Niederösterreich und die einzige ihrer Art in Österreich, in der Erdbebenaktivitäten ebenso wie der Geomagnetismus erforscht werden.
Für seine Forschung zu magnetischen Mineralen in Gesteinen und Sedimenten und wie diese das Erdmagnetfeld aufzeichnen, wurde Ramon Egli im Dezember 2025 mit dem William Gilbert Award der American Geophysical Union (AGU) ausgezeichnet. William Gilbert hatte als Erster eine Erklärung für die ebenso mysteriöse wie nützliche Eigenschaft der Kompassnadel, sich nach Norden auszurichten: Die Erde selbst ist magnetisch. Seine Entdeckung des Geomagnetismus publizierte er im Jahr 1600 unter dem Titel De Magnete, Über den Magnetismus.
Warum ist die Erde magnetisch? Warum dreht sie sich überhaupt? Wie beeinflusst das unsere Zeitsysteme und wie reagiert die empfindliche Technik auf den launischen Planeten und eine künftig wohl fehlende Sekunde? Was sieht der Geophysiker durch die "Brille" der Zusammenhänge?
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