Zwischenruf
Befreiung wohin?
von Gerhard Langer, Judaist und katholischer Theologe
5. April 2026, 06:55
In diesem Jahr fallen das christliche Ostern und das jüdische Pessach wieder einmal eng zusammen. Beiden Festen eignet etwas zutiefst Gemeinsames. Beiden geht es zuerst einmal um das Gedächtnis des Leidens. Man erinnert sich daran, dass Schreckliches geschehen ist.
Jüdinnen und Juden gedenken der Sklaverei in einem fremden Land, und Christinnen und Christen erinnern sich an die Leidensgeschichte ihres Messias, Jesus. Die Erinnerung an das Schreckliche, das Bedrohliche, an Tod und Verlust der Existenz gehört grundlegend zu einer menschlichen Identität dazu. Aber ebenso wichtig scheint mir der zweite Teil der Geschichte. Sie endet nämlich nicht im Leiden. Pessach wird zum Fest der Befreiung. Mose führt gemeinsam mit seiner Schwester Miriam und seinem Bruder Aaron das Volk weg aus der Sklaverei. Ihr Ziel ist die Befreiung und ein Land, in dem das Volk in Frieden und Wohlstand leben kann. Christinnen und Christen feiern die Auferstehung des am Kreuz Verstorbenen. Der Tod ist nicht das Ende.
Was mich an der jüdischen Tradition jedoch am meisten fasziniert, ist der Umstand, dass der Weg ins Heilige Land über den Sinai führt. Bei allen Bemühungen in der Geschichte wissen wir nicht genau, wo präzise sich dieser biblische und in der Tradition betonte Sinai befindet. Er ist für mich ein geistiger Ort. Er ist der Ort, wo Gott mit seinem Volk kommuniziert, um ihm den Weg zu zeigen und die Gebote zu geben. Die Befreiung mündet in die Ethik, die Moral, die Lehre von richtigem und falschem Verhalten. Befreiung ist so gesehen nicht Anarchie, sondern die Möglichkeit, aus freien Stücken das tun zu können, was richtig ist.
Christinnen und Christen bleiben ebenfalls nicht bei dem Fest der Auferstehung stehen. Nach Ostern kommt Pfingsten, und damit die Erinnerung daran, dass die Lehre Jesu in vielen Sprachen in die Welt getragen wird. Auch das ist eine Botschaft vom richtigen Handeln und Leben. Das ist auch heute noch bedeutsam: Da ist einmal die Einsicht, dass Leiden, Tod und Trauer zum Leben gehören und nicht ausgeblendet werden dürfen. Die Erinnerung daran hilft stärker und widerstandsfähiger zu werden. Das zweite ist die Freude, das Fest, das Feiern, das unbedingt zum Menschsein dazugehört. Der Jubel über das Geschenk der Rettung, der Auferstehung aus der Verzweiflung ist aber nicht vollständig, wenn er nicht mit Dankbarkeit einhergeht. Deshalb findet sich im jüdischen Pessachfest eine Fülle von Symbolen, die Gott gegenüber Dank und Lobpreis aussprechen. Für Christinnen und Christen kehrt zu Ostern das Halleluja, das "Preiset den Herrn", feierlich in die Gottesdienste zurück.
Natürlich: Nicht selten folgt auf Leid keine Rettung, sondern noch größeres Leid oder Tod. Auch darüber weiß die Bibel, wissen Judentum und Christentum Bescheid. Und es geht hier auf keinen Fall darum, blauäugig etwas zu beschönigen. Es geht darum, eine Lanze für die Hoffnung zu brechen. Wenn alles gut läuft, dann ist es einfach zuversichtlich zu sein. Aber wenn die Zeiten düster sind, dann braucht es den engagierten Einsatz für den hoffnungsvollen Blick.
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Mark Glentworth
Album: MEISTERHAFT GESPIELT - SCHLAGZEUG
Titel: Blues for Gilbert - für Vibraphon < In memoriam Gilbert Webster >
Solist/Solistin: Peter Sadlo /Vibraphon
Länge: 05:49 min
Label: Koch Schwann 313412
