Betrifft: Geschichte
Das Völkerrecht 2
Ein globales Versprechen.
10. April 2026, 15:55
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Völkerrecht stark europäisch geprägt und politisch anfällig. Der Erste Weltkrieg machte sichtbar, wie brüchig diese Ordnung war. 1920 trat die Satzung des Völkerbunds in Kraft. Erstmals entstand damit ein umfassend angelegter, institutionell verankerter Versuch kollektiver Sicherheit. Konflikte sollten nicht mehr allein durch Macht entschieden werden, sondern durch Verfahren, Sanktionen und Kooperation. Auch der Schutz von Minderheiten und die Verwaltung ehemaliger Kolonialgebiete wurden international geregelt. Doch die Möglichkeiten, Beschlüsse durchzusetzen, blieben begrenzt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde erneut der Versuch unternommen, das zu verändern. Am 26. Juni 1945 wurde in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen unterzeichnet, am 24. Oktober trat sie in Kraft. In Artikel 2 Absatz 4 heißt es: "Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt." Damit entstand eine auf Dauer angelegte globale Organisation. Neben der Generalversammlung und dem Sicherheitsrat gehören auch der Internationale Gerichtshof, das Sekretariat, der Wirtschafts- und Sozialrat heute zu den Hauptorganen. Nach dem Ende des Kalten Krieges kam erneut Bewegung in die internationale Ordnung. In den 1990er-Jahren richtete der Sicherheitsrat die Tribunale für das ehemalige Jugoslawien und für Ruanda ein. Wenig später nahm der Internationale Strafgerichtshof seine Arbeit auf. Damit gewann die internationale Strafjustiz an Sichtbarkeit. Zugleich wuchs die Zahl spezialisierter Gerichte und Verfahren - und mit ihr die Komplexität des Systems.
Das Völkerrecht verfügt heute über Verträge und Institutionen, doch dessen Wirksamkeit bleibt politisch vermittelt. Zwischen Institutionalisierung und Krisenerfahrung spannt sich der Bogen, dem diese Reihe nachgeht - von den Umbrüchen des frühen 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.
