ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Gedanken für den Tag
Zwischen Fortschritt und Dialektik der Aufklärung
Wolfgang Müller-Funk, Literaturwissenschaftler, zum 400. Todestag des Philosophen, Schriftstellers und Politikers Francis Bacon
11. April 2026, 06:57
Francis Bacon von Verulam (1561 - 1626), Staatsmann, Philosoph, Jurist und Schriftsteller, ist eine der prägendsten Figuren der europäischen Neuzeit. Mit seiner Emphase für die Wissenschaft und für eine empirische Philosophie hat er der Aufklärung wichtige Impulse geliefert. Sein Einfluss ist nur mit jenem von René Descartes und Michel de Montaigne vergleichbar. Als Generalstaatsanwalt und Lordkanzler war er eine umtriebige und zu Lebzeiten umstrittene Person des politischen Lebens, als Autor hat er neue Wege des Denkens und Schreibens eingeschlagen.
In seinen "Gedanken für den Tag" beschreibt Literaturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk diesen vielseitigen Denker der Renaissance, der sich in verschiedenen Bereichen hervorgetan hat. Seine 1597 erstmals erschienenen Essays gehören zu den Prototypen jener Gattung, die lebensphilosophische Probleme mit praktischer Philosophie verbinden und an die antike Tradition des Denkens anschließen. In seinem "Novum Organum Scientiarum" (1620) wiederum entwickelt er eine rationalistische philosophische Methodik, die den Fortschritt und die Verbesserung des menschlichen Wissens vorantreiben soll. Bacon ist auch der erste moderne Denker, der sich mit Idolen und Ideologien beschäftigt hat.
Sein drittes wichtiges und wohl berühmtestes Buch ist die utopische Erzählung "Nova Atlantis" (1614). Bacon nimmt die Folie des mythischen Atlantis zum Ausgangspunkt einer Gesellschaft, die nicht mehr auf Tradition und Privilegien beruht. Vielmehr bilden uneigennützige, nur der Wissenschaft verpflichtete Menschen den Kern eines Gemeinwesens, das ausschließlich rationalen und wissenschaftlichen Prinzipien folgt.
Bacon hat sich zu der Maxime bekannt, dass der Mensch die Natur beherrschen soll. Auf ihn geht auch die These zurück, wonach Wissen Macht ist. Deshalb ist der englische Denker im 20. Jahrhundert zum Vertreter einer prekären Aufklärung geworden. So haben Horkheimer und Adorno Bacons Machtanspruch der modernen Wissenschaft kritisiert. Die Dystopien des 20. Jahrhunderts von Huxley und Orwell lassen sich als pessimistische Antworten auf seinen selbstsicheren Rationalismus lesen. Hugo von Hofmannsthal hat in seinem berühmten Prosatext "Ein Brief" den Philosophen zum Adressaten eines fiktiven Neffen gemacht, der den Glauben an Sprache und Rationalität verloren hat.
Bei seinem einzigen Experiment, ob sich die Haltbarkeit toter Hühnchen durch Ausstopfen mit Schnee verlängern ließe, zog sich der 1621 vom Hof verbannte Philosoph eine Erkältung zu und erlag wenig später einer Lungenentzündung.
