Containerschiff

APA-IMAGES/AFP/MARTIN BERNETTI

Punkt eins

Insiderhandel: Geheimwissen zu Geld machen

Der Markt als Cashcow für die inneren Zirkel der Politik? Gast: Univ.-Prof. Dr. Severin Glaser, Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie, Universität Innsbruck. Moderation: Xaver Forthuber. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Wohin US-Präsident Trump die Geschicke der Weltpolitik und des Weltmarktes als nächstes lenken wird, ist nicht immer so ganz vorhersehbar. Zum Beispiel seine Zollpolitik im vergangenen Jahr: Ankündigung, Verschärfung, Fristverlängerung, Kurswechsel. Die Börsen reagierten entsprechend mit starken Schwankungen: Kurssturz, Aufschwung. Was in der Öffentlichkeit erratisch wirkte, war für manche offenbar doch vorhersehbarer als für andere. Und wer wusste, was als Nächstes passieren würde, konnte damit richtig viel Geld machen.

Die Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene etwa, damals noch eine von Trumps treuesten Unterstützerinnen, hatte Aktien um mehrere zehntausend Dollar gekauft, kurz bevor eine von Trumps Kehrtwenden die Kurse wieder nach oben schickte. Staatsanleihen im Wert von bis zu 100.000 Dollar stieß sie zu einem ebenso günstigen Zeitpunkt ab. Die demokratische Opposition sah als erwiesen an, dass Regierungs-Insider im Voraus von der politischen Entscheidung wussten und damit an der Börse profitierten. Der Vorwurf lautet: Insiderhandel.

Am 9. März dieses Jahres erklärte Trump in einem Interview, der Krieg im Iran sei "so gut wie beendet". Die Nachricht stand zwar in deutlichem Widerspruch zur Realität, aber sie ließ umgehend die Ölpreise fallen. Doch bereits eine Dreiviertelstunde bevor das Interview online gegangen und die Information damit öffentlich war, hatte es eine auffällige Häufung von Wetten auf einen sinkenden Ölpreis gegeben. Die BBC hat diesen und noch weitere Fälle dokumentiert. Die US-Derivateaufsicht CFTC überprüft zurzeit eine Reihe von verdächtigen Termingeschäften auf Öl. In Österreich wäre unter anderem die Finanzmarktaufsicht zuständig. Insiderhandel ist strafrechtlich relevant.

Insider haben exklusiven Zugang zu Informationen, die Kurse beeinflussen könnten - ein unfairer Vorteil auf den Kapitalmärkten. Daher ist Insiderhandel in der Regel verboten - in Österreich nach dem Börsegesetz und der Marktmissbrauchsverordnung der EU. In den USA gab es schon früh Regelungen gegen diese Praxis, die im US-amerikanischen Recht als Veruntreuung von Informationen gesehen wird - ein Foul auf dem Spielfeld des freien Marktes. Seit 2012 gilt das Verbot explizit auch für Amtsträger:innen, verurteilt wurde nach diesem Gesetz bis jetzt aber noch niemand. Dass Insiderinformationen zur Anwendung kommen, ist schwer nachzuweisen - die Geldflüsse sind in der Regel anonym, und die Spekulant:innen behaupten, sie seien mit der Zeit einfach besser darin geworden, die Volten des US-Präsidenten vorherzusagen.

Die aktuelle Eskalation im Nahen Osten verleiht dem Phänomen eine zusätzliche, noch skrupellosere Dimension. Eine unverhohlene Genozid-Drohung des US-Präsidenten kurz vor einem Wochenende ließ kurzzeitig das Schlimmste vermuten. Doch als die Börsen in der darauffolgenden Woche wieder offen waren, schienen die Zeichen plötzlich auf Friedensverhandlungen zu stehen. Wer konnte das vorhersagen? Man konnte sogar buchstäblich darauf wetten. Und zwar auf so genannten Prognosemärkten. Auf diesen virtuellen Handelsplattformen setzt man Geld auf die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses. Wer richtig errät, wie das Wetter wird oder wer den Songcontest gewinnt, erhält eine Ausschüttung. Aber eben auch, wer wusste, dass Venezuelas Präsident Maduro entführt werden oder Irans Religionsführer Ali Chamenei getötet werden würde. Insiderwissen, wie es eigentlich nur aus den innersten Zirkeln der Politik gekommen sein kann. Die Plattformen heißen Kashi oder Polymarket, finanziert werden sie von Investoren wie Peter Thiel oder dem Präsidentensohn Donald Trump Jr. Und seit den letzten US-Wahlen und der zweiten Trump-Regierung boomen sie geradezu.

Gerät Insiderhandel außer Kontrolle? Wie würde das die Märkte verändern? Wie verbreitet ist diese Form des Marktmissbrauchs, welche Formen nimmt sie an, was sind die Konsequenzen und greifen die gesetzlichen Regulative - oder sind die Insider:innen wirklich immer einen Schritt voraus? Zu Gast bei Xaver Forthuber ist Severin Glaser, Professor für Finanz- und Wirtschaftsstrafrecht an der Universität Innsbruck. Reden Sie mit: Rufen Sie in der Sendung an unter 0800 22 69 79 oder schreiben Sie ein E-Mail an punkteins(at)orf.at

Sendereihe

Gestaltung

  • Xaver Forthuber

Playlist

Komponist/Komponistin: Randy Newman
Titel: It's Money That I Love (davon 9 Sek. unterlegt)
Ausführende: Randy Newman
Länge: 03:38 min
Label: Warner Bros. Records

Komponist/Komponistin: Joy Kills Sorrow
Titel: Working for the Devil
Ausführende: Joy Kills Sorrow
Länge: 03:06 min
Label: Signature Sounds

Komponist/Komponistin: Mervyn Hinds
Titel: Don't You Steal My Money (davon 33 Sek. unterlegt)
Ausführende: Harmonica Hinds
Länge: 01:00 min
Label: Wolf Records

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