EDUARDUS LEE
Das Ö1 Konzert
Elim Chan dirigiert Schostakowitsch
ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigentin: Elim Chan; Wiener Singverein; Alexander Vinogradov, Bass. Dmitri Schostakowitsch: Hamlet, op. 116 (Auszüge aus der Filmmusik); Hector Berlioz: Tristia für Chor und Orchester op. 18; Dmitri Schostakowitsch: Symphonie Nr. 13 op. 113, "Babij Jar" (aufgenommen am 11. April im Großen Musikvereinssaal Wien in 5.1 Surround Sound)
21. April 2026, 19:30
"Es steht kein Denkmal über Babij Jar / Die steile Schlucht gemahnt als stummes Zeichen. / Die Angst wächst in mir. / So alt wie das jüdische Volk bin ich heute. / Mir ist, als wenn ich selbst ein Jude bin."
Mit diesen Worten bricht der russische Dichter Jewgenij Jewtuschenko 1961 ein fast 20-jähriges Schweigen über eines der größten Massaker des Zweiten Weltkriegs: den Mord an mehr als 30.000 Jüdinnen und Juden durch deutsche Soldaten im September 1941 an der Babij-Jar-Schlucht in der Ukraine.
Jewgenij Jewtuschenko ist zu diesem Zeitpunkt noch keine 30 Jahre alt. Er zählt zu einer neuen Generation junger Schriftsteller, die in der russischen "Tauwetter"-Periode auch mit einer kritischen Auseinandersetzung des sowjetischen Regimes an die Öffentlichkeit treten dürfen: 1956 erscheint Wladimir Dudinzews Buch Man lebt nicht nur vom Brot allein, 1962 Alexander Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, ein Jahr zuvor Jewtuschenkos Babij Jar. Das Gedicht erzählt von dem Verbrechen an der Babij-Jar-Schlucht als einem weiteren grausamen Höhepunkt der jahrtausendelangen Verfolgung des jüdischen Volkes. Der Dichter versetzt sich als Ich-Erzähler in die Lage der Verfolgten und zieht dabei auch Russland zur Verantwortung: "Ich weiß um das Gute in meinem Land. / Doch jüngst wagte es ein Haufen / Antisemiten, / und nannte sich schamlos / ,Union des russischen Volkes!'" Mit seinen Zeilen will Jewtuschenko die Ereignisse in der Ukraine dem bewussten Vergessen entreißen.
Isaak Glikman macht Dmitrij Schostakowitsch schon kurz nach der Veröffentlichung auf Babij Jar aufmerksam. Der Komponist nimmt daraufhin sofort Kontakt mit dem Dichter auf - er möchte das Werk vertonen. Nach der Durchsicht eines ganzen Gedichtbandes wächst die Idee weiter an: Der Humor, Im Laden und Ängste kommen dazu, außerdem schreibt Jewtuschenko noch ein fünftes Gedicht für Schostakowitsch: Karriere. Aus dem Lied über Babij Jar ist Schostakowitschs 13. Symphonie entstanden.
Mit Glockenschlägen ruft der erste Satz zur Erinnerung an jene Schlucht, über der kein Denkmal steht. Das Wort steht im Vordergrund; die Stimmung wechselt zwischen Trauergesang und dröhnender Anklage. In Humor, das Gedicht, das von der unzerstörbaren Macht des Witzes handelt, lässt Schostakowitsch seinen eigenen Humor mit den bekannten scharfen Rhythmen, engen chromatischen Reihen und schrillen Piccoloklängen deutlich erkennen. Im Laden erzählt von den Opfern und Mühen der russischen Frauen und bildet gemeinsam mit Ängsten die zentralen langsamen Sätze, bis die Symphonie in Karriere in einem satirisch-heiteren Tonfall endet.
Zum Zeitpunkt der Uraufführung der Symphonie ist es mit dem "Tauwetter" übrigens schon wieder fast vorbei: Es ist eine Sache, wenn ein jugendlicher Dichter das Regime anprangert - aber eine völlig andere, wenn es der berühmteste Komponist des ganzen Landes tut. Zuerst lehnt der Dirigent, dann der Basssolist die Aufführung ab, am Tag der Premiere taucht auch der Ersatzsolist nicht auf; zum Glück gibt es noch einen weiteren Einspringer. Das Publikum spendet tosenden Beifall - die Zeitung Prawda hingegen widmet dem Konzert nur eine einzige Zeile. Dem späteren Erfolg der 13. Symphonie tut das keinen Abbruch: Sie gehört heute zu den bekanntesten Werken Schostakowitschs.
Text: Anna Jagenbrein
Service
Diese Sendung wird in Dolby Digital 5.1 Surround Sound übertragen. Die volle Surround-Qualität erleben Sie via Internet-Streaming auf Ihrem HbbTV-Gerät oder durch Direktaufruf der Streaming-URLs.
Mehr dazu in oe1.ORF.at - 5.1
Sendereihe
Gestaltung
- Robert Fontane
Übersicht
Playlist
Komponist/Komponistin: Peter Iljitsch Tschaikowsky/1840 - 1893
Titel: Ouvertüre und Schauspielmusik (Auszüge) zu »Hamlet«, op.67b
* Ouvertüre (00:10:03)
* 1. Szene - Melodram (00:01:32)
* 5. Szene - Melodram (00:03:06)
* Entr'acte zum 2. Akt (00:03:00)
* Entr'acte zum 3. Akt (00:03:14)
* Entr'acte zum 4. Akt (00:07:12)
* Szene der Ophelia (00:02:07)
* Entr'acte zum 5. Akt (00:05:27)
* Fanfare (00:00:22)
* Schlussmarsch (00:00:40)
Solist/Solistin: Janis Kelly /Ophelia
Orchester: London Symphony Orchestra
Leitung: Geoffrey Simon
Länge: 35:43 min
Label: Chandos CHAN 9191
Komponist/Komponistin: Dimitri Schostakowitsch/1906-1975
Titel: Symphonie Nr.13, op.113 »Babij Jar« für Bass-Solo, Männerchor und Orchester nach Gedichten von Jewgenij Jewtuschenko
* I. Babij Jar (00:16:05)
* II. Humor (00:08:01)
* III. Im Laden (00:12.20)
* IV. Ängste (00:11:33)
* V. Karriere (00:12:54)
*
Solist/Solistin: Alexander Vinogradov /Bass
Chor: Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Choreinstudierung: Johannes Prinz
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Elim Chan
Länge: 60:54 min
Label: UE Leihmaterial
Komponist/Komponistin: Hector Berlioz/1803 - 1869
Titel: »Tristia«, op.18 für Chor und Orchester
* I. Meditation religieuse (00:04:38)
* II. La Mort d'Ophelie, Ballade (00:06:47)
* III. Marche funebre pour la derniere scene d'»Hamlet« (00:07:21)
Chor: Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Choreinstudierung: Johannes Prinz
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Elim Chan
Länge: 18:46 min
Label: Bärenreiter Leihmaterial
Komponist/Komponistin: Dimitri Schostakowitsch/1906 - 1975
Titel: »Hamlet«, op.116a - Suite aus der Musik zum gleichnamigen Film (Auszüge)
* I. Introduktion. Largo (00:02:27)
* II. Fanfaren (00:00:13)
* III. Ball im Schloss (00:03:11)
* IV. Horatios Erzählung vom Geist (00:02:44)
* V. Duell und Tod Hamlets (00:06:21)
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Elim Chan
Länge: 14:55 min
Label: UE Leihmaterial
