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Punkt eins
Tschernobyl: Lehren aus dem Super-GAU?
Die Wahrscheinlichkeiten einer Kernschmelze und anderer Risiken. Gäste: Dr. Nikolaus Müllner, Leiter Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften, Leiter Nukleare Sicherheit, Schutz und Risiko, BOKU & Dr. Petra Seibert, Prof. i.R., Institut für Meteorologie und Klimatologie, BOKU, Mitglied wissenschaftlicher Beirat für den Kernwaffen-Verbotsvertrag. Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
22. April 2026, 13:00
Am 26. April 1986 ereignete sich im Atomkraftwerk Tschernobyl der weltweit schwerste Unfall in der zivilen Nutzung der Atomenergie - doch die sowjetischen Behörden verschwiegen das Unglück zunächst.
Der Unfall war verheerender als der größte, anzunehmende Unfall (GAU): Zehn Tage lang wurden große Mengen Radioaktivität freigesetzt und verteilten sich über weite Teile Europas. Vielen Menschen in Österreich sind die Erinnerungen an diese Zeit auch nach 40 Jahren sehr gegenwärtig, denn Österreich war wegen der damals herrschenden Wetterbedingungen eines der am stärksten betroffenen Länder Mitteleuropas.
Von einem Tag auf den anderen war schließlich nichts mehr wie vorher, die Angst vor der unsichtbaren Gefahr ging um, über die Folgen der Katastrophe herrschte Unklarheit. Politiker beschwichtigen, die österreichische Regierung erlaubte den 1. Mai Aufmarsch in Wien trotz vorhergesagten radioaktiven Niederschlags, der auch eintraf; Grenzwerte für Lebensmittel und die Strahlenbelastung gab es zunächst nicht, dann wurden sie höchst unterschiedlich festgelegt.
Unfälle in Atomreaktoren hatten sich bereits zuvor ereignet, so 1979 im Reaktor Three Mile Island bei Harrisburg (USA) die erste (partielle) Kernschmelze, aber bis heute nur zwei, die auf der höchsten Stufe der INES-Skala (International Nuclear and Radiological Event Scale) als INES 7 eingestuft wurden, als katastrophaler Unfall. Das Erdbeben im Pazifik vor Nordjapan und die Tsunami-Warnung von Montag hat die Erinnerungen an die Reaktorkatastrophe von Fukushima wachgerufen: Am 11. März 2011 kam es im dortigen Kernkraftwerk zu mehreren Kernschmelzen. Das INES-7-Unglück löste weltweit Debatten über die Sicherheit und die Risiken der Kernkraftwerke aus.
Nichtsdestotrotz werden immer wieder kritische Situationen um die Atomkraftwerke in Kriegsgebieten wie in der Ukraine gemeldet; die Tschernobyl-Schutzhülle wurde bei russischen Angriffen beschädigt; die ukrainischen AKW, darunter Saporischschja, das größte AKW Europas, sind durch Ausfälle der Stromversorgung immer wieder in Gefahr. Laut IAEO-Experten vor Ort ist die Sicherheitslage prekär.
Doch in den letzten Jahren setzten Staaten wieder vermehrt auf den Ausbau von Atomkraft mit Blick auf die Klimaneutralität, wie es unter anderem in einer Erklärung von 20 Staaten nach der Weltklimakonferenz COP 28 im Jahr 2023 hieß. Das Thema Energiesicherheit und Energieinfrastruktur wurde mit dem Irankrieg indes weiter verschärft. Das heimische Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) stellt angesichts der EU-Taxonomie-Verordnung klar: "Atomkraft ist kein Klimaschutz".
Wie kann man sich als Laie eine Meinung zu Sicherheits- und Risikofragen rund um Atomkraftwerke bilden, wenn es in der Risikoanalyse beispielsweise heißt: Nur alle 10.000 Jahre darf es zu einer Kernschmelze kommen, wir aber in 40 Jahren mehrere Kernschmelzen erlebt haben? Ist jeder Reaktor potenziell ein Risiko? Wie kann man mit dem Unwahrscheinlichen rechnen, welche Störfälle kann man simulieren, muss ein GAU in Risikoanalysen berücksichtig werden und welche Rolle spielen die Witterungsbedingungen für Notfallplanungen?
Dr. Nikolaus Müllner leitet das Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Wiener Universität für Bodenkultur und dort den Fachbereich Nukleare Sicherheit, Schutz und Risiko. In seinen Forschungen befasst er sich beispielsweise mit der Risikoanalyse von Kernkraftwerken in Kriegsgebieten, analysiert Reaktorkatastrophen und fragt: Was haben wir daraus gelernt und was können wir noch lernen?
Dr. Petra Seibert ist Professorin i.R. am Institut für Meteorologie und Klimatologie der BOKU und arbeitet zum Transport von Spurenstoffen in der Atmosphäre, der Anwendung von Wettermodellen bei nuklearen Unfällen und erforscht den Status grenznaher Kernkraftwerke. Vor einigen Jahren hat sie an einem Projekt zur Vorbereitung auf radiologische Notfälle und der Reaktion nach Unfällen in Europa federführend mitgewirkt. Sie ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für den Kernwaffen-Verbotsvertrag.
Im Gespräch mit Barbara Zeithammer analysieren die Meteorologin Petra Seibert und der Risikoforscher Nikolaus Müllner die Katastrophe von Tschernobyl und was in den 40 Jahren seither passiert ist.
Wie haben Sie die Katastrophe 1986 und die Tage danach erlebt? Sorgen Sie sich vor einem Atomunfall, haben Sie Vorkehrungen getroffen? Österreich hat 1978 per Volksabstimmung die Nutzung der Kernenergie abgelehnt, ist aber von über 20 AKW umgeben und muss sich fragen: Wie ist mit einer Risikotechnologie wie der Kerntechnologie in der Nachbarschaft umzugehen?
Rufen Sie in der Sendung an unter 0800 22 69 79 oder schreiben Sie ein E-Mail an punkteins(at)orf.at
Service
Umweltbundesamt: 40 Jahre Tschernobyl
Cäsiumbelastungen im Boden
Strahlenwarnsysteme
Strahlenschutz
Sendungshinweise
Die Sendereihe Betrifft: Geschichte beschäftigt sich diese Woche (20. - 24. April, 15.55, Ö1) mit der zivilen Nutzung der Atomenergie und ihren Gefahren. In Episode 3 geht es um die Ursachen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.
40 Jahre Tschernobyl behandeln im ORF-Themenschwerpunkt zum Beispiel auch Universum History: Super-GAU - Die Katastrophe von Tschernobyl (24. April, 22.35, ORF 2) und WELTjournal: Tschernobyl - AKW im Kriegsgebiet (Mittwoch, 22. April, 22.30 Uhr, ORF 2).
Science.orf.at berichtet: Wölfe entwickelten Resistenz gegen Krebs und diesem Thema widmet sich auch die Sendung Universum: Radioaktive Wölfe - Tschernobyls verbotene Wildnis: 21. April, 20.15, ORF 2.
Sendereihe
Gestaltung
- Barbara Zeithammer
Übersicht
Playlist
Komponist/Komponistin: Robert Schumann
Titel: Schumann (R): Fantasiestücke, Op. 88 - 3. Duett (Langsam Und Mit Ausdruck)
(davon 12 Sek. unterlegt)
Ausführende: The Florestan Trio
Länge: 02:59 min
Label: Hyperion
Komponist/Komponistin: Franz Joseph Haydn
Titel: Piano Trio in E Major, Hob. XV: 28: II. Allegretto (davon 11 Sek. unterlegt)
Ausführende: The Florestan Trio
Länge: 03:13 min
Label: Hyperion
Komponist/Komponistin: Antonín Dvorák
Ausführende: Piano Trio in E Minor, "Dumky", Op. 90: V. Allegro (davon 2 Min. 20 Sek. unterlegt)
Ausführende: The Florestan Trio
Länge: 03:40 min
Label: Hyperion
