Ö1 Hörspiel

"Gespräche mit Lebenden und Toten" von Swetlana Alexijewitsch

Die Tschernobyl-Katastrophe ist - so die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch - etwas, "wofür wir noch kein System von Vorstellungen, noch keine Analogien oder Erfahrungen haben, wofür nicht einmal unser bisheriger Sprachschatz ausreicht". Die Explosion des Reaktors im ukrainischen Kernkraftwerk am 26. April 1986 veränderte nicht nur eine Landschaft, sondern das Leben hunderttausender Menschen.

Über zehn Jahre hinweg hat Swetlana Alexijewitsch mit mehr als 500 Menschen gesprochen, deren Biografien durch den Reaktorunfall unwiderruflich geprägt wurden: mit Feuerwehrleuten und Liquidatoren, mit Bewohnerinnen und Bewohnern der evakuierten Stadt Prypjat, mit Bauern, Soldaten, Wissenschaftlern, Ärzten und Hinterbliebenen. Aus ihren Erinnerungen, Klagen und Bekenntnissen formte sie eine vielstimmige Chronik - einen "Chor lebendiger Stimmen", der nicht die Geschichte der Katastrophe aus der Perspektive der Technik erzählt, sondern aus der Perspektive der Menschen.

Da ist die junge Frau eines Feuerwehrmanns, die in der Nacht der Explosion aus dem Fenster blickt und ihren Mann zum Einsatz gehen sieht. Sie folgt ihm bis in die Moskauer Klinik für Strahlenkrankheiten, bleibt heimlich bei ihm, obwohl Ärzte sie warnen, und erlebt, wie sein Körper sich unter der tödlichen Strahlung verändert. Ihre Erinnerung ist zugleich eine Liebesgeschichte und eine Geschichte des Abschieds. Andere erzählen von der Evakuierung der Stadt, die zunächst nur für drei Tage angekündigt war - Menschen verlassen ihre Wohnungen, ohne zu wissen, dass sie nie wieder zurückkehren werden. Soldaten durchstreifen die Zone und erschießen zurückgelassene Hunde und Katzen, die noch immer auf ihre Besitzer warten. Liquidatoren erzählen von der absurden Arbeit rund um den zerstörten Reaktor: von Hubschrauberflügen über dem offenen Kern, von Männern, die Graphitbrocken mit bloßen Händen wegschaffen, von der Erde, die man abträgt und wieder vergräbt, als könnte man die Katastrophe einfach unter einer neuen Schicht Boden verschwinden lassen.

Das Ergebnis dieser vielen Gespräche, das Buch "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft", erschien 1997. Der deutsche Schriftsteller und Dramaturg Frank Werner hat einen Teil des Werkes unter dem Titel "Gespräche mit Lebenden und Toten" zu einem Hörspiel verdichtet - eine eindringliche akustische Komposition, die ohne Pathos, allein durch die Kraft der persönlichen Erinnerungen, entstand. Das Hörspiel wurde 1999 Hörspiel des Jahres in Deutschland und erhielt im Jahr 2000 den Robert-Geisendörfer-Preis.

"Gespräche mit Lebenden und Toten" von Swetlana Alexijewitsch, Bearbeitung: Frank Werner, Übersetzung: Ingeborg Kolinko, mit Ilse Strambowski, Peter Gavajda, Viola Morlinghaus und Konstantin Graudus, technische Realisation: Ingo Siegrist, Tanja Betzholz und Karin Beaumont, Regie: Ulrich Gerhardt (SR/NDR/WDR/SFB-ORB 1998)

Service

Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, aus dem Russischen von Ingeborg Kolinko, Suhrkamp Verlag, 1997

Sendereihe

Gestaltung

  • Elisabeth Weilenmann

Übersicht