Zwischenruf
Zwischen Dinoschuhen und Business-Kostüm
von Kim Vanessa Kallinger, Kirchenrätin der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich
10. Mai 2026, 06:55
Muttertag. Ein Tag mit Blumen, vielleicht einem selbstgemalten Herz und - wenn es gut geht - einem Cappuccino, der noch warm ist. Und doch wissen wir Mütter: Das ist nur ein kurzer Ausschnitt aus einem Alltag, der meistens ganz anders aussieht.
Ich bin Mutter von zwei kleinen Kindern. Meine Tochter ist gerade ein Jahr alt geworden, ihr großer Bruder ist fünf Jahre alt. Zwei kleine Persönlichkeiten voller Lebensfreude, Energie und Neugier. Es ist ein Geschenk, ihnen beim Aufwachsen zuzusehen. Und gleichzeitig ist da dieser Alltag, der viel fordert.
Der Tag beginnt früh. Oft sehr früh. Die Kleine ist wach, der Große ruft schon aus seinem Zimmer. Also aufstehen, Windel wechseln, Kinder anziehen, Frühstück vorbereiten. Erdbeeren schneiden und Brote schmieren. Nebenbei schon daran denken, was heute alles ansteht und den Blick auf die Uhr nicht vergessen. Und irgendwo dazwischen: ich selbst. Ein kurzer Blick in den Spiegel, schnell herrichten - Haare stylen, vielleicht noch glätten und natürlich Make-up. Dann öffne ich den Kasten: Blazer, Rock, höhere Schuhe, eine schicke Tasche. Ein Griff, ein Wechsel - vom Mama-Alltag hinein in den Business-Look. Alles im Schnelldurchlauf, während schon wieder jemand "Mama!" ruft.
Kindergarten, Arbeit. Noch rasch in die Unterlagen schauen, das erste Meeting beginnt um neun. Dazwischen Telefonate, E-Mails und ein kurzer Tratsch mit der Kollegin. Es folgt das Mittagessen, anschließend eine Podiumsdiskussion und dann geht es mit der Straßenbahn zurück nach Hause, dabei werden noch ein paar Nachrichten beantwortet. Das Diensthandy ist sowieso immer dabei. Am späten Nachmittag geht es weiter. Die Schwimmtasche für den Großen ist gepackt - noch einmal schnell kontrollieren, ob alles da ist: Handtuch, Badehaube, Dinoschuhe, eine kleine Jause. Dann Kinder abholen und weiter zum Schwimmen. Danach noch einkaufen, heimfahren, Abendessen, Zähne putzen, Gute-Nacht-Geschichte.
Und irgendwann ist es still. Mein Mann und ich sitzen noch kurz zusammen, vielleicht mit einem Glas Wein. Ein paar Minuten Ruhe, bevor die Nacht beginnt. Zwei-, drei-, viermal aufstehen, die Kleine wieder in den Schlaf begleiten. Alltag eben
Ich habe mich bewusst für dieses Leben entschieden. Für diese vielen Rollen. Denn ich bin nicht nur Mutter. Ich bin auch Partnerin, Kollegin, Freundin, Tochter und mehr.
Das christliche Menschenbild sieht es so: Wir sind mehr als das, was wir leisten. Jeder Mensch ist von Gott gewollt. "Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde" heißt es in der Bibel. Nicht nur die Mutter, nicht nur die Berufstätige - sondern den ganzen Menschen. Mir ist das wichtig: Mütter dürfen ihre Rolle so leben, dass sie zu ihnen passt - nicht nur so, wie es erwartet wird. Kinder brauchen keine perfekte Mutter, sondern eine echte.
Muttertag ist schön. Aber ein Tag im Jahr reicht nicht. Mütter dürfen sich selbst sehen - jeden Tag, in dem, was sie leisten und möglich machen. Mütter, traut euch: Gestaltet euer Leben. In all euren Rollen - und darüber hinaus. Geht euren eigenen Weg. Und seid stolz. Auf das, was ihr schafft. Auf das, was ihr seid.
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Robert Schumann
Gesamttitel: Albumblätter op.124 - 20 Stücke für Klavier, Frau Alma von Wasielewski zugeeignet
Titel: Wiegenliedchen op.124 Nr.6 , nicht schnell
Solist/Solistin: Cyprien Katsaris /Klavier
Länge: 02:24 min
Label: Teldec 843467
