Zwischenruf
Zusammenleben für Fortgeschrittene
von Stefan Schröckenfuchs, Superintendent der evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich
31. Mai 2026, 06:55
Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, eine Wohngemeinschaft der besonderen Art kennen zu lernen: die WG Melange. Diese WG besteht nicht - wie oft sonst - aus Studierenden, die sich aus Kostengründen eine Wohnung teilen. Acht Frauen und Männer im Alter von mindestens 55 Jahren haben sich im Norden Wiens in dieser Wohngemeinschaft zusammengefunden, um noch einmal ein "gemeinsames Leben" zu wagen. Sie tun es auch mit der Perspektive, sich auf längere Sicht gegenseitig zu unterstützen. (Begleitet wird die Gemeinschaft von der Caritas.)
Jede Person hat ein eigenes kleines Apartment. Allen gemeinsam stehen Flächen wie ein Wohnzimmer, eine Gemeinschaftsküche und ein Balkon zu Verfügung. So kann im Alltag vieles miteinander geteilt werden - vom Kuchen über die Waschmaschine bis zum Werkzeugkoffer. Teilen bedeutet: Ressourcen sparen. Und natürlich wird auch viel Lebenszeit geteilt. Denn genau darum geht es ja in dieser WG: dass man nicht für sich alleine sein muss. Außer, wenn man es gerade so mag.
Als ich zu Besuch komme, ist gerade Jour fixe: Alle zwei Wochen werden so alle Fragen und Anliegen des gemeinsamen Lebens besprochen. Wer kümmert sich um den Aufbau des gemeinsamen Werkzeugschranks? Wie wird die gemeinsame Küche geputzt? Es sind Themen, wie man sie aus den WGs junger Leute kennt. Mit dem Unterschied, dass hier die Bewohnerinnen und Bewohner schon länger Zeit hatten, ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennen zu lernen.
Ich bin beeindruckt, wie sorgsam die Gruppe gemeinsam Lösungen für ein gelingendes Miteinander aushandelt. Man merkt: die Leute hier haben gelernt, einander gut zuzuhören. Sie sind auch darin geübt, ihre eigenen Bedürfnisse mitzuteilen und den anderen zu erklären, was für sie wichtig ist. Dazu kommt noch ein gutes Maß an Humor, das im Umgang miteinander hilft.
Einander zuhören. Bereit sein, die Bedürfnisse der anderen zu respektieren. Sich selbst mitteilen, damit auch die anderen verstehen können, was ich wirklich brauche. Und miteinander lachen können. Das - so scheint es - sind die entscheidenden Zutaten für das gelingende Miteinander dieser WG. Und die Bewohnerinnen und Bewohner nehmen sich dafür viel Zeit.
Ich habe mir vorgenommen, die Erkenntnisse aus meinem Besuch in dieser WG auch selbst in meinem Alltag stärker zu berücksichtigen. Ich möchte mehr Geduld aufbringen, meinen Mitmenschen wirklich zuzuhören. Ich möchte bereit sein, die Bedürfnisse der anderen wirklich ernst zu nehmen. Ich möchte aber auch den Mut haben, meine eigenen Bedürfnisse zu formulieren - und zu ihnen stehen. Denn nimmt man irgendjemandes Bedürfnisse nicht ernst, entsteht ein fauler Kompromiss, der letztlich niemandem dient. Das gilt auch dann, wenn es meine eigenen Bedürfnisse sind, die ich hintanstelle. Der Schlüssel zum gelingenden Miteinander liegt in einem wahren Ausgleich zwischen allen Bedürfnissen. Diesen Ausgleich zu finden ist manchmal mühsam, und es erfordert Zeit. Doch ist diese Zeit gut investiert. Denn wenn es gelingt, gewinnen letztlich alle. Und gemeinsamer Erfolg macht das Leben doppelt schön!
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Nils Wülker
Gesamttitel: Rays of Winter Sun - EP
Titel: Rays of winter sun/instr.
Solist/Solistin: Nils Wülker /Trompete m.Begl.
Ausführender/Ausführende: Tim Allhoff /Piano
Länge: 03:30 min
Label: Warner Music Central Europe 5054197857638
