ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Gedanken für den Tag
Antoni Gaudí - Fest und fließend
Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, zum 100. Todestag von Antoni Gaudí
9. Juni 2026, 06:57
Wie eine eingefrorene Bewegung aus grauem Stein zieht sich die Fassade durch die Straße. Fast so, als wäre ein Moment festgehalten worden, der nie stillstehen wollte. Die gedämpfte, staubige Farbigkeit wirkt kühl und ruhig, ohne der Form ihre Dynamik zu nehmen. Die schmiedeeisernen Balkone drehen sich nach außen. Unregelmäßig, fast wild. Als hätten sie keinen Anspruch, nur funktional zu sein.
Das legendäre Gebäude, auch "La Pedrera" - der Steinbruch - genannt, ist die Casa Milà von Antoni Gaudí. Entstanden ist es zwischen 1906 und 1912 im Zentrum von Barcelona und aufgrund des skulpturalen Charakters mein Lieblingsgebäude des katalanischen Architekten.
Der Bau ist als Wohnhaus für das Ehepaar Milà errichtet worden. Antoni Gaudí hat dafür eine organische Struktur entworfen, fern von klassischen Grundrissen. Tragende Wände spielen kaum eine Rolle, stattdessen ein Stahlskelett und frei gestaltbare Räume. Auch die Fassade funktioniert unabhängig - eher wie eine Hülle als eine Grenze. Viele Details hat Gaudí mithilfe von Modellen entwickelt und sie während der Bauphase weiter angepasst.
Während der Bauzeit ist es zu Spannungen mit den Auftraggebern gekommen, weshalb Teile des Projekts nicht wie geplant umgesetzt worden sind. Zugleich hat das Gebäude für heftige Reaktionen gesorgt. Viele haben die Formen als provokant und irritierend empfunden. Heute gilt es als eines der bedeutendsten Werke der modernistischen Architektur.
Mich interessiert vieles an "La Pedrera". Besonders aber diese Mischung aus Präsenz und Stabilität - und zugleich etwas Fließendem und Bewegtem. Es ist eine fast körperliche Standfestigkeit, ohne je starr zu wirken. Ein Gedanke, der mich auch im Alltag immer wieder beschäftigt. Vielleicht geht es genau darum: verankert zu sein - und doch nie ganz zum Stillstand zu kommen.
Service
Buch, Kathrin Benz, "Antoni Gaudí. Der Architekt Gottes. Die Biographie", Wbg Theiss 2026
Podcast abonnieren
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Hayne van Ghizeghem
Album: Mirrors of time. Tribute Reflections
Titel: De tous biens plaine. Chanson für 3 Singstimmen a cappella. Ausgeführt mit 3 Viole da gamba
Gesamttitel: Petrucci, Ottaviano (1466-1539) (Hrsg.): Harmonice Musices Odhecaton (Venedig, 1501)
Ausführende: Hespèrion XX
Ausführender/Ausführende: Jordi Savall
Ausführender/Ausführende: Sergi Casademunt
Ausführender/Ausführende: Eunice Brandao
Länge: 04:14 min
Label: ALIA VOX AVSA9957
EAN: 8435408099578
