RUSSELL
Spielräume
Der "Hot Club of New York"
Musik aus allen Richtungen mit Mirjam Jessa. Ein Paradies für alle, die klassischen Jazz auf 78er-Platten lieben, und das neue Live-Album der Jazzsängerin Catherine Russell, das sie diesem Club gewidmet hat
10. Juni 2026, 17:30
Fast zu schön, um wahr zu sein, der "Hot Club of New York" existiert wirklich und ist höchst lebendig. Jeden Montag treffen sich dort - in der 20sten Straße im Flatiron Bezirk in Manhattan - Menschen, die das gleiche Faible für klassischen Jazz verbindet, um gemeinsam Platten zu hören. Hier dreht sich alles, was sich dreht, 78-mal pro Minute: Originalaufnahmen auf Originalplatten auf originalen Abspielgeräten. Selbst die Lautsprecher sind original.
Selbstverständlich ist auch das Mobiliar stilecht und mit den 30 Sitzplätzen ähnelt die Atmosphäre der eines größeren Wohnzimmers der - sagen wir - 40er Jahre. Allerdings kann an den Sessions jeder und jede über Zoom teilnehmen. Zusätzlich gibt es Konzerte, Lectures, Sonderveranstaltungen wie heute Mittwoch beispielsweise, da findet ab 19.30 eine Vinyl Listening Session statt - aus traurigem aktuellen Anlass: Ein Requiem für Sonny Rollins.
Diesem Club hat die mehrfach Grammy nominierte Jazzsängerin Catherine Russell ihr Konzert im Lincoln Center gewidmet, das die Bandleaderin und Kuratorin dort 2024 mit ihrem Oktett gegeben hat. Nun ist das dazugehörige Livealbum erschienen, das erste der mittlerweile 70jährigen Sängerin nach zehn Studioproduktionen. Auch ihr Repertoire geht auf die 20er- bis 40er-Jahre zurück. Es ist die Musik, mit der sie aufgewachsen ist.
Denn ihr Vater war der Swing Pionier Luis Russell, erfolgreicher Bandleader und später Louis Armstrongs musikalischer Leiter, und ihre Mutter war die Sängerin und Instrumentalistin Carline Ray, die u.a. in den 40er-Jahren in der Frauenband "International Sweethearts of Rhythm" wirkte. Wenn Catherine Russell diese alten Nummern interpretiert, wirken sie, als wären sie eben erst komponiert worden. Was auch an ihrer fabelhaften Band liegt, an Musikern wie dem Trompeter Jon-Erik Kellso oder dem Posaunisten John Allred.
Die Mehrzahl der Songs auf dem neuen Album sind unbekannt, denn Russells "Spezialität ist es, Nevergreens' überzeugend aus der Versenkung zu holen.", schreibt das Fachmagazin "Rondo". "So bietet Catherine Russells erstes Live-Album nicht nur großartiges Entertainment, sondern ist ein grandioses Plädoyer dafür, Traditionspflege nicht mit dem immergleichen Abspulen der immergleichen Standards zu verwechseln, sondern den Blick auf die Jazzgeschichte zu weiten, um jene Songs und Größen zu entdecken, die man in keinem Kanon findet."
