Ö1 Hörspiel
"Ein Geschäft mit Träumen" von Ingeborg Bachmann
Im Rahmen des Programmschwerpunkts zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann widmet sich Ö1 auch zwei Hörspielklassikern und damit einem Stück Radiogeschichte: "Ein Geschäft mit Träumen" war Bachmanns erstes Hörspiel, sie schrieb es mit 25 Jahren. Träume, so heißt es in dem Hörspiel sinngemäß, haben ihren Preis, nicht unbedingt in Geld, sondern vor allem in Lebenszeit.
20. Juni 2026, 14:00
Im Zentrum dieses Hörspiels steht der Büroangestellte Laurenz, ein pflichtbewusster, eher unscheinbarer Mensch, der sich ganz den Erwartungen seines Umfelds unterordnet. Eines Abends stößt er zufällig auf ein Geschäft, das eine merkwürdige Ware anbietet: käufliche Träume. In diesen durchlebt er Möglichkeiten seines eigenen Lebens wie in einem Film - distanziert, beobachtend, beinahe als Zuschauer. Erst allmählich, im Verlauf dieser Traumsequenzen, nähert er sich einer Version seiner selbst an, die ihm im Alltag verschlossen bleibt: einer, der handelt. Und in einem dieser Träume spricht er aus, was er sich sonst nicht erlaubt: seine Liebe zur Kollegin Anna.
Heute ist Bachmanns parabelhaftes Stück um diesen Angestellten, dem man Träume um den Preis seiner Lebenszeit verkaufen will, nicht in erster Linie, aber doch, ein Zeitdokument. Die darin dargestellten autoritären Verhältnisse in der Arbeitswelt und die Unterwürfigkeit der Frauen erscheinen beklemmend antiquiert, die Bombenangriffe des 2. Weltkriegs stecken uns heute auch nicht mehr in den Knochen. Zugleich zeigt ein Blick auf die Rezeptionsgeschichte, wie nachhaltig der Stoff gewirkt hat. Immer wieder wurde das Hörspiel von anderen Sendern neu produziert und interpretiert - etwa vom Deutschlandfunk 1975 in der Regie von Heinz von Cramer oder vom Schweizer Radio SRF 1977 in der Regie von Klaus W. Leonhard. So wurde der Klassiker in unterschiedliche zeitgenössische Kontexte gestellt.
Verstehen kann man das Stück auf vielerlei Weise: politisch-sozialkritisch als Auseinandersetzung mit der Wirtschaftswundergesellschaft und ihrer "Traumwäscherei", tiefenpsychologisch als gescheiterten Versuch einer Flucht in die Unwirklichkeit oder aktuell vielleicht als Aufruf zur Selbstermächtigung und zum souveränen Umgang mit Zeit. Den Schlüsselsatz diesbezüglich spricht der Traumverkäufer aus: "Aber Sie werden wissen, dass Sie nirgends Träume für Geld bekommen. Sie müssen mit Zeit bezahlen. Träume kosten Zeit, manche sehr viel Zeit."
"Ein Geschäft mit Träumen" von Ingeborg Bachmann. Mit Wolf Neuber (Laurenz), Traute Servi (Anna), Eric Frey (Herr Mandl), Ulrich Bettac (Generaldirektor), Erich Schenk (Verkäufer der Träume), Charlotte Bauer, Auguste Ripper, Susi Waber, Gisela Fritz, Kurt Jaggberg, Herbert Kragora und Ernst Zeller, Ton: Herbert Sbiral und Rudolf Tremmel, Regie: Walter Davy (Rot-Weiß-Rot 1952)
Sendereihe
Gestaltung
- Elisabeth Weilenmann
