Menschenbilder

György Dalos, Schriftsteller und Historiker

Europa weiter denken: Ungarn als Experimentierfeld der Geschichte

Der Weg Ungarns im 20. Jahrhundert wurde oft als Sonderfall bezeichnet. In der kommunistischen Ära galt das Land als "lustigste Baracke" im Ostblock; ein Bild, das bei näherer Betrachtung wohl nicht standhält. Auf den Fall des Eisernen Vorhangs folgte eine Demokratisierung, die danach in Autoritarismus umschlug. Mit der Parlamentswahl am 12. April scheint die Rückkehr zur Demokratie im vollen Sinn möglich - es wird allerdings ein mühsamer Weg sein.

György Dalos hat die ungarische Zeitgeschichte in vielen Facetten selbst erlebt und sich intensiv, in zahlreichen Buchveröffentlichungen, damit auseinandergesetzt - wie zuletzt übrigens auch mit der Geschichte des Nachbarlands Österreich. Am 23. September 1943 wurde er in Budapest geboren und verlor seinen Vater, als er 22 Monate alt war. Da seine Mutter sehr oft krank war, wuchs er hauptsächlich bei der Großmutter auf. Viele seiner Verwandten waren im Holocaust umgekommen, daher bedeutete sein Judentum für ihn zuerst das Wissen um solche Geschichten.

Bis zu seinem zwölften Lebensjahr wurde György Dalos in jüdischen Internaten religiös erzogen und lernte Hebräisch, später wurde er überzeugter Atheist. 1962 bis 1967 studierte in Moskau Geschichte, 1964 erschien sein erster Gedichtband und er trat in die Kommunistische Partei ein. 1968 wurde er als maoistischer Linksabweichler zu einer Haftstrafe verurteilt; danach arbeitete er als Übersetzer, da er anders kaum publizieren konnte. 1977 war er Mit-Initiator der ungarischen Demokratiebewegung, 1987 kam er mit einer Reisetasche und der Schreibmaschine seines Vaters nach Wien, wo er bis 1995 hauptsächlich lebte. Als Dissident schrieb er. "Ich bin unzufrieden und damit zufrieden." György Dalos konnte sich nicht damit abfinden, dass in der ungarischen Demokratie, die er herbeigesehnt hatte, so viele Menschen ohne Arbeit und in Armut lebten.

In Budapest hat er zwar noch eine Wohnung, aber zu Hause ist Dalos jetzt in Berlin, wo er 1995-1999 Direktor des Ungarischen Kulturinstituts war, des damaligen Haus Ungarn, und den Ungarn-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 1999 vorbereitete. 2010 wurde er mit dem Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung ausgezeichnet.

Die "Menschenbilder" besuchen György Dalos jetzt ein zweites Mal und bringen die ergänzte und aktualisierte Fassung eines Porträts, das zu seinem 70. Geburtstag entstand. "70 Jahre", sagt György Dalos damals, "das bedeutet, mehr hinter sich zu haben als vor sich. So lebe ich teilweise in der Vergangenheit - was für einen Schriftsteller auch ein Vorteil sein kann."

Seither hat sich die Gegenwart allerdings kräftig gemeldet, und im neuen Gespräch mit György Dalos geht es ebenso sehr um die Zukunft - und die Lehren, welche die Geschichte, seine eigene wie die seiner ersten Heimat Ungarn, möglicherweise für diese Zukunft bereithält.

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