CARINTHISCHER SOMMER/MARTA GILLNER
Carinthischer Sommer 2026 live
Les Heures Persanes
Zur Eröffnung des Carinthischen Sommers.
ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Markus Poschner; Golnar Shahyar, Gesang; Mahan Mirarab, Gitarre; Petra Morzé, Lesung. Vorspiel von Golnar Shahyar & Mahan Mirab.
Charles Koechlin: Les Heures Persanes. Dazwischen liest Petra Morzé aus dem zugrundeliegenden Text (Übertragung aus dem Congress-Center Villach)
4. Juli 2026, 19:30
Seefahrer wollte er werden, vielleicht auch Ingenieur oder Wissenschafter. Doch am Ende wird Charles Koechlin Komponist: zu Lebzeiten bedeutend, später vergessen, in den vergangenen Jahren wiederentdeckt.
1867 in eine wohlhabende Elsässer Familie geboren, entscheidet sich Charles Koechlin vergleichsweise spät für die Musik: zu vielfältig sind seine Interessen, zu unstet seine musikalischen Leistungen. Als er 1887 die Aufnahmeprüfung für die renommierte École polytechnique besteht, deutet alles auf eine technische Karriere hin. Doch nur zwei Jahre später zwingt ihn eine Tuberkuloseerkrankung zu einem längeren Aufenthalt in Algerien - eine Erfahrung, die in ihm nicht nur die Faszination für das Fremde weckt, sondern auch den Wunsch, Komponist zu werden. Aus dem angehenden Ingenieur wird zunächst ein Schüler von Jules Massenet, später von Gabriel Fauré - und schließlich ein bedeutender Vertreter der französischen Avantgarde.
Koechlins musikalische Entwicklung wird nicht nur von seinen Lehrern, sondern auch von seinen Studienkollegen George Enescu und Maurice Ravel geprägt. Der musikalisch "Spätberufene" zeigt sich beeindruckt von deren Können und Ausdruckskraft. Vor allem aber eröffnen ihm Claude Debussys Kompositionen neue Klangwelten und den Wunsch, musikalische Grenzen zu überschreiten: Polytonalität, Atonalität und ein freier Umgang mit Rhythmus und Metrum werden zu Koechlins bevorzugten Stilmitteln. Außerdem entwickelt er sich zu einem herausragenden Arrangeur, der es mit gefühlvoller Instrumentierung versteht, musikalische Farben in den feinsten Schattierungen zu mischen.
Inspiration bezieht Koechlin aus der Natur, aus Themen der griechischen Mythologie und der französischen Literatur. Aus Pierre Lotis Roman Vers Ispahan entsteht Les Heures persanes - zuerst für Klavier solo, 1921 für Orchester instrumentiert. 16 Kapitel erzählen von zweieinhalb Tagen in Persien: von Karawanen, Arabesken, Geschichtenerzählern, Marmorbrunnen und dem Mondschein als wiederkehrendes Motiv. Dennoch ist Les Heures persanes kein folkloristisches Werk. Koechlin vermeidet orientalische Modi und Figuren; vielmehr fängt er in 16 atmosphärischen Bildern die Stimmungen eines Landes ein, in das er sich selbst geträumt hat. Behutsam lotet er dabei Tonräume aus und verwebt musikalische Linien. Im Orchester dominieren deutlich die hohen Holzbläser- und Streicherklänge: Sie lassen den hellen Mondschein auf den Terrassen schimmern und am Rande der Hörbarkeit Wüstensand über Dünen streichen. Mit dem Tanz der Derwische findet die ansonsten weitgehend ruhig verlaufende Reise einen wirbelnden Höhepunkt.
Beim Eröffnungskonzert des Carinthischen Sommers unter der Leitung des neuen Chefdirigenten Markus Poschner ist Les Heures persanes zum ersten Mal in Österreich zu hören. Damit kehrt nicht nur ein beinahe vergessenes Werk auf die Bühne zurück, sondern auch die Faszination für Persien - ein Land, das Koechlin selbst nie gesehen hat und das er in Les Heures persanes fantasievoll zum Klingen bringt.
Text: Anna Jagenbrein
