APA / AFP / Rosali Hernandez
Punkt eins
Venezuela - Staatstrauer und Chaos
Wahrscheinlich zehntausende Erdbebenopfer in einem Staat, der vor 215 Jahren erstmals unabhängig wurde und dessen Präsident weiter entführt bleibt.
Gäste: Anja Dargatz, Leiterin des Länderbüros der Friedrich Ebert Stiftung in Caracas/Venezuela & Dr. Christian Cwik, Historiker am Institut für Geschichte der Universität Klagenfurt, Generalsekretär des Verbandes der Historiker Lateinamerikas und der Karibik (ADHILAC). Moderation: Andreas Obrecht. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
6. Juli 2026, 13:00
Am 5. Juli 1811 erklärten einige Provinzen Venezuelas ihre Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Spanien. Die Gründung der vorläufig ersten Republik in Lateinamerika sollte nicht lange Bestand haben. Im anschließenden Bürgerkrieg kämpften Royalisten gegen Republikaner, Spanier gegen Kreolen, Städter gegen Landbevölkerung. Es war schließlich ein mächtiges Erdbeben, das am 26. März 1812 den Untergang der ersten Republik einleitete. Das Erdbeben verwüstete Caracas und angrenzende Landstriche, forderte geschätzte 20.000 Tote und die ehemaligen Kolonialherren gewannen wieder die Oberhand. Es dauerte bis 1823, bis der südamerikanische Revolutionär Simón Bolivar mit seinen Truppen Venzuela für immer von der Vorherrschaft Spaniens befreite.
Vor knapp zwei Wochen, am 24. Juni, richteten zwei starke Beben - eines mit der Magnitude 7,2, das zweite mit 7,5 - abermals enorme Zerstörungen an. Nach wie vor sind zahlreiche Menschen unter den Trümmern verschüttet, für die es kaum mehr Überlebenschancen gibt. Offiziell belaufen sich die Opferzahlen auf einige Tausende, Hilfsorganisationen und Fachleute sprechen davon, dass aller Wahrscheinlichkeit nach in diesem dicht besiedelten Gebiet einige zehntausend Menschen gestorben sind. Immer wieder kommt es in der Region zu seismologischen Aktivitäten - aufgrund der Verschiebung und des Aneinanderstoßens der Karibischen und Südamerikanischen tektonischen Platte. Doch so ein schweres Beben mit so entsetzlichen Folgen hat es 125 Jahre lang nicht mehr gegeben und auch Vergleiche mit dem Beben vom 1812, das in etwa die Stärke 7,7 auf der Richter-Skala gehabt haben soll, drängen sich auf.
Delcy Rodriguez, die seit der Entführung des Präsidenten Nicolás Maduro am 3. Jänner des heurigen Jahres durch US-amerikanische Spezialeinheiten die venezolanische Regierung leitet, spricht von einer "wahren Tragödie", deren katastrophale Folgen noch gar nicht zur Gänze ermessen werden können. Die USA haben wie viele andere Staaten auch ihre Hilfe zugesagt und Rettungstrupps geschickt. Die Regierungschefin bedankt sich dafür im Onlinedienst X, Venezuela wisse die Solidaritätsbekundung der USA zu schätzen.
Was bedeutet das verheerende Erbeben für die venezolanische Politik und Wirtschaft? Kann der betroffenen Bevölkerung hinreichend geholfen werden? Wie wird die Katastrophe von den Menschen vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Ereignisse interpretiert? Was geschah bislang mit Nicolás Maduro, was ist von dem Gerichtsverfahren gegen ihn zu erwarten? Wie schaut es derzeit mit der venezolanischen Unterstützung des verarmten Kuba aus, nachdem US-Präsident Trump auch hier eine militärische Intervention angedroht hat? Was bedeutet der Unabhängigkeitstag für die Venezolaner, deren Regierung und Wirtschaft seit der Entführung des Präsidenten unter US-amerikanisches Kuratel gestellt sind? Was bedeutet heute noch Simón Bolivar für die Venezolaner, der ganz Lateinamerika befreien und einigen wollte?
Zu Gast in der Sendung Punkt eins ist Anja Dargatz, die Leiterin des Länderbüros der Friedrich Ebert Stiftung in Caracas. Sie berichtet vor Ort von der Situation nach dem katastrophalen Erdbeben und von den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen für die Bevölkerung. Ebenfalls Gast in der Sendung ist der Historiker Dr. Christian Cwik, der sich seit Jahrzehnten mit Geschichte und Gegenwart Südamerikas und der Karibik wissenschaftlich beschäftigt.
Wie immer freut sich die Redaktion über Ihre Teilnahme an dem Gespräch unter 0800 22 69 79 während der Sendung oder unter punkteins(at)orf.at
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Gestaltung
- Andreas Obrecht
