FIFA-WM-Schiedsrichter blickt auf den Monitor (VAR-System)

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Punkt eins

Schiedsrichter im Zeitalter des Videobeweises

Emotionen, Gerechtigkeit, Kontrolle und die richtigen Entscheidungen am Fußballfeld. Gäste: Alain Sadikovski, Hauptschiedsrichter in der österreichischen Bundesliga & Univ.-Doz. Dr. Matthias Marschik, Zeitgeschichtlicher und Sporthistoriker, Universitäten Wien, Salzburg, Klagenfurt. Moderation: Andreas Obrecht. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Bei all den Emotionen, die in der letzten Woche einer Fußball-WM Millionen Fans auf der ganzen Welt erfassen, müssen jene einen kühlen Kopf bewahren, die im Zentrum des Spielgeschehens stehen - die Schiedsrichter beiderlei Geschlechts. Die FIFA hat auch sechs Schiedsrichterinnen nominiert, die bei insgesamt 12 WM-Spielen eingesetzt wurden und werden.

Ob Teilzeit- oder Vollzeitschiedsrichter - das ist nicht nur ein Beruf, sondern vor allem auch Berufung. Die Leidenschaft für den Sport ist mit hohen Qualitätsanforderungen in unterschiedlichen Bereichen verbunden. Disziplin, Fitness, Selbstreflexion und -kontrolle sind erforderlich, um den Aufgaben in den 90 Minuten am Platz gerecht zu werden. Schiedsrichter bereiten sich physisch und psychisch auf Spiele vor, analysieren, geben Feedback, sichten Videomaterial, absolvieren Mental- und Physiotrainings. Übergeordnetes Ziel ist, Gerechtigkeit im Spielverlauf zu ermöglichen - richtige Entscheidungen, Kontrolle, Deeskalation in brenzligen Situationen, natürlich auch Sanktionen bei Regelverstößen. Der Pfiff ist die unmissverständliche Stimme des Schiedsrichters, der für alle hörbar ist.

Schiedsrichter sind gerade wegen der heftigen Emotionen, die ein spannendes oder wichtiges Spiel begleiten, oft starker Kritik, vor allem von Seiten des Publikums ausgesetzt. Vor einem Millionenpublikum wie bei der WM zu spielen, bedeutet auch mit Millionen "Experten" und "Expertinnen" konfrontiert zu sein, die es oft besser wissen als die "Offiziellen". Oft geht es bei diesen Entscheidungen aber um komplexe Situationen und Ermessensspielräume, die keine eindeutigen Entscheidungen ermöglichen. Dass freilich der Intervention des US-amerikanischen Präsidenten bei der FIFA stattgegeben und die Sperre eines Spielers nach Erhalt der roten Karte im Spiel USA - Bosnien ausgesetzt wurde, empört nicht nur die Sportwelt.

Um eklatante Fehlentscheidungen zu verhindern, die oft spielentscheidend sein können, und um ein Höchstmaß an Gerechtigkeit im Spielverlauf zu sichern, wird seit geraumer Zeit bei wichtigen Spielen und internationalen Turnieren der sogenannte Videobeweis eingesetzt - VAR für "Video Assistant Referee". In der Saison 2017/18 ging er in die Testphase, 2018/19 wurde seine korrekte Anwendung in dem Regelwerk vom "International Football Association Board" festgeschrieben. Mittels modernster Videotechnik und auch digitaler Verfahren werden mit VAR mögliche Fehlentscheidungen des Schiedsrichters in klar definierten Spielsituationen überprüft: ob ein Regelverstoß vorliegt, der zu einem Tor geführt hat - z.B. Abseitsstellung -; ob eine Elfmeterentscheidung korrekt getroffen wurde; ob die direkte Vergabe einer roten Karte gerechtfertigt ist; ob eine Spielerverwechslung bei der Vergabe einer gelben oder roten Karte vorliegt. Der Schiedsrichter kann sich beim sogenannten "On-Field Review" - Überprüfung am Spielfeldrand - selbst ein Bild der Lage machen, wobei die Letztentscheidung ausnahmslos ihm obliegt.

In welcher Weise macht der technische Einsatz von VAR die Entscheidungen des Schiedsrichters generell gerechter? Stört VAR den Spielfluss, weil Videobeweise oftmals zu Verzögerungen führen? Ist es problematisch, dass der Schiedsrichter bei der Videosichtung etwas sieht, was das Publikum nicht sehen kann - führt das zur Intransparenz? Wie hat VAR die Ausbildung, die Qualifikation, das Berufsbild, die Selbsteinschätzung von Schiedsrichtern beiderlei Geschlechts verändert? Wie werden Schiedsrichter in Österreich ausgebildet? Welche grundsätzlichen Charaktereigenschaften sind nötig, um als Schiedsrichter auch unter großem emotionalem Stress bestehen und die richtigen Entscheidungen treffen zu können? Wie hat sich das Bild des Schiedsrichters in der Sportwelt und in der Wahrnehmung des breiten Publikums im historischen Rückblick verändert?

In der Sendung Punkt eins bei Andreas Obrecht sind dazu Gäste: der Bundesliga-Schiedsrichter Alain Sadikovski, der auch seit einem Jahr als Video Assistent Referee in VAR-Teams tätig ist, und der Sporthistoriker Matthias Marschik. Gemeinsam mit den Hörerinnen und Hörern erörtern sie die Welt der Schiedsrichter im Zeitalter des Videobeweises.

Wie immer freut sich die Redaktion über Ihre Teilnahme an dem Gespräch unter 0800 22 69 79 während der Sendung oder unter punkteins(at)orf.at

Sendereihe

Gestaltung

  • Andreas Obrecht