Radiokolleg
Alte weise Frauen (9)
| 9 Alte weise Frauen - Heidi Kastner |
28. Juli 2026, 09:05
Wut hat ein Imageproblem - besonders wenn sie weiblich ist. Während ein wütender Mann oft als durchsetzungsstark, leidenschaftlich oder autoritär wahrgenommen wird, ernten wütende Frauen schnell Attribute wie "hysterisch" und "schwierig". Doch was passiert, wenn wir die Wut nicht als Defizit, sondern als notwendiges Korrektiv betrachten? Wenn Wut der Treibstoff für Veränderung und die klare Abgrenzung gegen Grenzüberschreitungen ist? Muss eine Frau vielleicht auch wütend sein, um Erfolg zu haben? Ist Wut der Schlüssel, um das Patriarchat zu überwinden? Mit Freundlichkeit kommt man bekanntlich nicht besonders weit. Und Wut scheint doch aktuell in Mode zu sein, zumindest in den Führungsetagen und in der Politik.
Man betrachte etwa den aktuellen US-Präsidenten Donald Trump, dem ein wütender Regierungs- und Kommunikationsstil zugeschrieben wird, der auf einer gezielten Nutzung von Emotionen basiert. Und "move fast and break things" war das frühere, von Mark Zuckerberg geprägte interne Motto von Facebook (bis 2014) und eine Philosophie der Tech-Branche, die Aggression und Geschwindigkeit über Vorsicht stellt, um Innovation zu erzwingen. Doch warum machen Frauen, die ähnlich agieren, der Gesellschaft eine solche Angst? Wieso gelten für Frauen nicht dieselben Spielregeln?
Kaum jemand kann Fragen wie diese wohl präziser beantworten als Heidi Kastner, Jahrgang 1962. Die renommierte forensische Psychiaterin, die in ihrer Karriere in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele geblickt hat, widmet sich seit Jahren der Analyse menschlicher Emotionen. In ihrem Bestseller "Wut: Plädoyer für ein verpöntes Gefühl" räumte sie bereits mit dem Vorurteil auf, dass dieses Gefühl per se nur destruktiv sei. Doch werden wütende Frauen als Bedrohung für das gesellschaftliche (patriarchale) Gleichgewicht wahrgenommen? Wie kann Wut als Kompass dienen? Braucht es nicht sogar mehr gepflegte Empörung oder sogar eine befreiende Respektlosigkeit, um sich als ältere Frau den Raum zu nehmen, der ihr zusteht? Ein Gespräch über Macht, gesellschaftliche Rollenbilder, aber auch über die zunehmende Gewalt gegen Frauen und darüber, wieso gerade so viele (autokratisch gestrickte) Männer an der Macht sind. Und nicht zuletzt eines über die heilende Kraft eines wütenden und gut platzierten "Neins" und wie man es vom "braven Mädchen" zur "weisen Frau" bringt.
Gestaltung: Alexandra Augustin
Alle Episoden dieser Staffel finden Sie unter oe1.orf.at/radiokolleg und auf der Audioplattform ORF SOUND.
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- Alexandra Augustin
