Radiokolleg
Alte weise Frauen (11)
| 11 Alte weise Frauen - Hildegunde Piza |
30. Juli 2026, 09:05
In der Chirurgie geht es um Millimeterarbeit, um Präzision und nicht zuletzt um Leben und Tod - und lange Zeit vor allem ausschließlich um Männer. Wenn man in den Operationssaal blickt, stellt sich nicht nur die medizinische Frage nach dem Eingriff, sondern auch die soziopolitische: Wer hat das Messer oder auch Skalpell in der Hand? Für Hildegunde Piza-Katzer war die Antwort darauf schon früh klar, auch wenn der Weg dorthin einer Pionierarbeit glich, die das Gesicht der plastischen Chirurgie in Österreich für immer verändern sollte.
Geboren wurde Hildegunde Piza 1941 in Gröbming, in der Steiermark. In einer Welt, die von hierarchischen Strukturen und "Göttern in Weiß" dominiert wurde, musste sie sich ihren Platz am Operationstisch nicht nur durch überragendes handwerkliches Geschick, sondern auch durch psychische Widerstandskraft erkämpfen. Denn wenn es um Frauen in der Chirurgie geht, wird die Luft dünn: Nur rund 18 % der in der Chirurgie tätigen Menschen sind Frauen. In den Führungspositionen in der Chirurgie liegt der Frauenanteil bei nur 11 %. Hildegunde Piza war in vielen Bereichen und Positionen die erste Frau: 1970 war sie die erste Assistenzärztin an der ersten Chirurgischen Universitätsklinik in Wien. Ab 1975 Fachärztin für Allgemeinchirurgie, ab 1976 Oberärztin. Ab 1979 Fachärztin für Plastische und Wiederherstellungschirurgie. Ab 1992 baute sie die Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie in Lainz auf und 1999 wurde Hildegunde Piza zur Vorständin der Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie in Innsbruck ernannt - die erste Leiterin einer derartigen Klinik im deutschsprachigen Raum und die erste Frau, die zur Universitätsprofessorin für Plastische Chirurgie ernannt wurde. Besonders am Herzen lagen ihr auch immer die Kinder: 2005 hat Hildegunde Piza den Verein Kinderhände ins Leben gerufen und sich auf die Korrektur von kindlichen Handfehlbildungen spezialisiert. 2010 baute sie eine Ambulanz für Kinderhandchirurgie am Landeskrankenhaus Bad Ischl auf.
Weltweit bekannt wurde sie durch die erste doppelte Handtransplantation im Jahr 2000: 1994 riss eine durch den Attentäter Franz Fuchs gelegte Rohrbombe dem Polizisten Theo Kelz beide Hände ab. In einer 17 Stunden andauernden, weltweit beachteten Operation erhielt er neue Hände. Die mittlerweile 85-jährige Hildegunde Piza denkt übrigens noch immer nicht an die Pension, sondern ordiniert noch.
Alle Episoden dieser Staffel finden Sie unter oe1.orf.at/radiokolleg und auf der Audioplattform ORF SOUND.
Service
Sendereihe
Gestaltung
- Alexandra Augustin
