ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Gedanken für den Tag
Ein jeder Engel ist schrecklich
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, über die Himmelsboten in der Literatur und im eigenen Leben
25. August 2026, 06:57
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen?
Mit dieser vielzitierten Frage beginnen die "Duineser Elegien" von Rainer Maria Rilke; und jedes Mal, wenn ich sie lese, zerschlägt sie meine Engel-Bilder. Wie unnahbar und verstörend der Engel hier ist, wird in der Fortsetzung noch deutlicher:
und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein.
Die Distanz ist unüberbrückbar. Der Engel gehört einer anderen Ordnung an, seine Stärke vermittelt keine Sicherheit, sondern ist bedrohlich - und seine Schönheit erst recht. Das sagen die folgenden Zeilen, die zu den bekanntesten der Duineser Elegien gehören:
Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Die Attraktion des Schönen führt in den Schrecken, selbst wenn es in Engelsgestalt erscheint. Und der Schrecken führt dann in die zentrale Erkenntnis der ersten Elegie - sie lautet:
und die findigen Tiere merken es schon,
dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt.
In der Bibel gibt es den Deute-Engel, der einem Menschen von Gott geschickte Visionen deutet. In Rilkes erster Duineser Elegie hingegen führt der Engel ein in die Undeutbarkeit der Welt. Geschrieben hat Rainer Maria Rilke diese Elegien auf Schloss Duino, von daher haben sie ihren Namen. Vor einigen Jahren war ich an diesem Ort mit seinem einzigartigen Ausblick auf die Adria. Es ist, als hätte Rilke gerade gegen die verführerische Schönheit dieses Ortes auf der Undeutbarkeit der Welt bestanden. Aus ihr heraus wird vieles möglich - auch der drängende Duktus und der musikalische Klang dieser Elegien.
Service
Rainer Maria Rilke, "Duineser Elegien. Die Sonette an Orpheus", Insel Verlag 1974 (= insel taschenbuch 80)
"Himmlische Boten. Gedichte und Geschichten von Engeln", herausgegeben von Andrea Wüstner, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2005, 2010
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Ola Gjeilo
Album: Night
Titel: Quiet Streets
Solist/Solistin: Ola Gjeilo
Länge: 01:10 min
Label: Universal Music 4850196
