ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Gedanken für den Tag
Der ironische Verkündigungsengel
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, über die Himmelsboten in der Literatur und im eigenen Leben
26. August 2026, 06:57
Von den zahlreichen Gedichten, die im 20. Jahrhundert über Engel geschrieben wurden, mag ich das von Hans Magnus Enzensberger besonders gern, weil es die besondere Aura um die Begegnung mit einem Engel mit genialer Ironie durchbricht. Das Gedicht heißt "Die Visite" und imaginiert einen Besuch im Arbeitszimmer eines Dichters:
Als ich aufsah von meinem leeren Blatt,
stand der Engel im Zimmer.
Ein ganz gemeiner Engel,
vermutlich unterste Charge.
Sie können sich gar nicht vorstellen,
sagte er, wie entbehrlich Sie sind.
Eine einzige unter fünfzehntausend Schattierungen
der Farbe Blau, sagte er,
fällt mehr ins Gewicht der Welt
als alles, was Sie tun oder lassen,
gar nicht zu reden vom Feldspat
und von der Großen Magellanschen Wolke.
Sogar der gemeine Froschlöffel, unscheinbar wie er ist,
hinterließe eine Lücke, Sie nicht.
Ich sah es an seinen hellen Augen, er hoffte
auf Widerspruch, auf ein langes Ringen.
Ich rührte mich nicht. Ich wartete,
bis er verschwunden war, schweigend.
Es ist unzweifelhaft ein Verkündigungsengel, der hier seinen Auftritt hat, doch seine Botschaft an den Dichter lautet: Du bist entbehrlich und unbedeutend. Das Warten des Engels auf ein langes Ringen spielt auf die biblische Erzählung vom Kampf Jakobs mit einem Engel an. Beim letzten Wort des Gedichts, "schweigend" ist nicht klar, ob es sich auf den Engel bezieht oder auf sein Gegenüber.
Jedenfalls erhebt der Dichter keinen Einspruch - vielleicht hat der Engel ihn ja von einer Bürde befreit und ihm mit seiner Botschaft ein leichteres, entspannteres Arbeiten ermöglicht. Und eines darf man auf gar keinen Fall übersehen: Das Endprodukt der Begegnung mit dem Engel ist ein fertiges Gedicht.
Service
Hans Magnus Enzensberger, "Die Visite". In: Hans Magnus Enzensberger: "Kiosk. Neue Gedichte", Suhrkamp Verlag 1995
"Himmlische Boten. Gedichte und Geschichten von Engeln", herausgegeben von Andrea Wüstner, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2005, 2010
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: James Newton Howard/geb.1951
Bearbeiter/Bearbeiterin: Jeff Atmajian /Orchestrierung
Bearbeiter/Bearbeiterin: Brad Dechter /Orchestrierung
Gesamttitel: THE VILLAGE / Original Filmmusik
Titel: The gravel road
Anderer Gesamttitel: THE VILLAGE - DAS DORF / Original Filmmusik
Orchester: Hollywood Studio Symphony
Leitung: Pete Anthony
Ausführender/Ausführende: Hilary Hahn /Violine
Ausführender/Ausführende: Randy Kerber /Klavier
Länge: 01:10 min
Label: Hollywood Records/WEA 5050467488328
