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Punkt eins
Frauen in der Medizin
Von Marketenderinnen, Naturheilkundigen und Hebammen bis zu Klinikleiterinnen und Professorinnen. Dr. Daniela Angetter-Pfeiffer Wissenschaftshistorikerin, Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Moderation: Andreas Obrecht. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
28. August 2026, 13:00
Seit dem alten Ägypten und der griechischen Antike spielen Frauen eine zentrale Rolle in der Medizin, wobei es um die gesellschaftliche Anerkennung ihrer Leistungen zumeist schlecht bestellt war. Naturheilkundige, medizinische versierte Frauen und auch Hebammen, deren Wirken über die Jahrhunderte besonders wichtig war, wurden sogar Opfer von Hexenverbrennungen. Ausnahmen bestätigen die Regel - im 3. Jahrtausend vor Chr. wirkte Peseschet in Ägypten, sie gilt als erste Ärztin der Geschichte, war Vertraute des Königs und Leiterin eines Teams von Heilkundigen; Hildegard von Bingen ist auch fast tausend Jahre nach ihrer Geburt eine naturheilkundliche Berühmtheit; und im frühen 12. Jahrhundert konnten Frauen sogar an der Medizinschule von Salerno studieren und sogar unterrichten. Selbst Bombast von Hohenheim, besser bekannt unter dem Markennamen Paracelsus, gestand im 16. Jahrhundert, dass er alles Wissen über die Medizin und die Wirkung von Heilkräutern von weisen Frauen erfahren hatte.
Die überwiegende Mehrzahl der Frauen arbeitete und heilte in einem gesellschaftlichen Graubereich, denn die Medizin war längste Zeit Männersache und ist es - teilweise - bis heute geblieben. Als Hebammen, die Schwangerschaften und Geburten begleiten, auch über Empfängnisverhütung, Abtreibung und sonstige intime Frauenangelegenheiten Bescheid wissen, konnten sie sich einigen Respekt erwerben - bis zum 18. Jahrhundert war es von kirchlicher Seite verboten, dass Männer bei der Geburt anwesend sind oder gar Intimbereiche von Frauen untersuchen. Als Marketenderinnen wurden Frauen mit ihren Kindern bis nach dem Dreißigjährigen Krieg zu Wegbegleiterinnen der europäischen Heere. Sie versorgten Soldaten, oft ihre Ehemänner, mit Lebens- und Arzneimitteln, kümmerten sich um Verwundete und Erkrankte. Ihr Leben war hart und gefährlich, nicht selten waren sie selbst in Kampfhandlungen involviert. Erst im 19. Jahrhundert werden nach der Völkerschlacht bei Leipzig Pflegevereine gegründet, rund 40 Jahre später revolutioniert die britische Krankenpflegerin Florence Nightingale die militärische Sanitätsversorgung durch Frauen und Henry Dunant - geschockt durch seine Erfahrungen in der Schlacht von Solferino - gründet 1876 das Internationale Komitee vom Roten Kreuz.
Verbissen hat sich die akademische Medizin gegen die Aufnahme von Frauen an die medizinischen Fakultäten gewehrt. Die "weibliche Konstitution" sei für die großen beruflichen Belastungen nicht geeignet, überhaupt gäbe es dafür keine gesellschaftliche Notwendigkeit und "Frauen besäßen nicht die geistigen Fähigkeiten" - wie das Wiener Tagblatt berichtete. Gabriele Possaner von Ehrenthal gelang es trotzdem, als erste Frau zur Doktorin für die gesamte Heilkunde 1897 an der Universität Wien zu promovieren. Offiziell durften Frauen erst ab September 1900 in Wien Medizin studieren.
Der Aufbruch im weißen Kittel war geschafft - zunächst vor allem in der Geburtshilfe, der Zahnmedizin, im Schularztbereich oder auch bei der ärztlichen Betreuung muslimischer Frauen in Bosnien und Herzegowina. Von der Chirurgie blieben die frühen Ärztinnen freilich ausgeschlossen. Mit den beiden Weltkriegen änderte sich das, denn in den Feldlazaretten wurden alle Medizinerinnen und Mediziner dringend benötigt. Jüdische Ärztinnen freilich wurden im Nationalsozialismus verfolgt, es nahmen auch Medizinerinnen an den NS-Euthanasieprogrammen teil. Nach dem Zweiten Weltkrieg - und teilweise erfolgter Entnazifizierung - nahmen wieder männliche Kollegen die Spitzenpositionen an Universitäten und in Krankenhäusern ein. Es dauerte Jahrzehnte, bis es Ärztinnen gelang, ein wenig aufzuholen.
Es waren engagierte Frauen, die in Österreich eine moderne Gesundheitspolitik vorantrieben. Mutter-Kind-Pass, Vorsorgeuntersuchungen, Antirauch-Kampagnen - die Spitalschefin und spätere Ministerin Dr. Ingrid Leodolter war in den 1970er Jahren eine Schlüsselfigur gesundheitspolitischer Veränderungen. Heute ist mehr als die Hälfte der Ärzteschaft weiblich, rechnet man das - zumeist akademisch versierte - Pflegepersonal hinzu, so sind 80 % der im Gesundheitsbereich Tätigen Frauen. Vor zwanzig Jahren lag der Anteil der Universitätsprofessorinnen an der Medizinischen Universität Wien bei circa 8 %, heute bei rund 29 %.
Die Historikerin Daniela Angetter-Pfeiffer, die unter dem Titel "Bekämpft und verboten - Frauen in der Medizin" soeben ein detailreiches Buch vorgelegt hat, merkt dennoch kritisch an: "Wo bleiben die Frauen auf dem Weg nach oben? Die Hälfte der Belegschaft ist weiblich, doch nur ein Bruchteil schafft es in die Chefetagen!"
Daniela Angetter-Pfeifer ist zu Gast bei Andreas Obrecht. Rufen Sie an unter 0800 22 69 79 oder schreiben Sie an punkteins(at)orf.at.
