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Gedanken für den Tag
Ivan Illich: Automobilität als "Pseudomobilität"
Petra Nagenkögel, Schriftstellerin, zum 100. Geburtstag von Ivan Illich
3. September 2026, 06:57
"Das Auto hat den öffentlichen Raum kolonisiert". Das schreibt Ivan Illich in seiner Studie "Energie und Gerechtigkeit" im Jahr 1978.
Weltweit, so lese ich, sind derzeit 1,7 Milliarden Autos zugelassen. Ihr Gesamtgewicht übersteigt das Gewicht aller an Land lebenden Wildtiere um das Hundertfache. Die 1,7 Milliarden Autos haben 31,7 Millionen an Straßenkilometern zur Verfügung, die für Parkraum benötigte Fläche nicht eingerechnet. Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Tiere wird allein für Europa auf 29 Millionen Säugetiere und 124 Millionen Vögel geschätzt.
Hinter kaum fassbaren Zahlen steht ein industrielles System. Zu dessen Logik gehört es, im Namen des Wachstums Bedürfnisse und damit Abhängigkeiten zu generieren. Erdölindustrie, Autokonzerne und Transportlobbys hätten ein, wie Ivan Illich es nennt, "radikales Monopol" geschaffen und den Menschen zum Faktor in einem System werden lassen, das er selbst nicht kontrollieren kann.
Wohl kein anderes Industrieprodukt hat Lebensweisen und Wohlstandsmodelle, aber auch unsere Vorstellungen von Freiheit, Geschwindigkeit und Zeit so nachhaltig verändert und standardisiert wie das Auto, kaum ein anderes Produkt hat eine so tiefgreifende Umformung des Raums mit sich gebracht. Städte wurden (und werden) autogerecht umgebaut, Landschaften wurden (und werden) zerschnitten, Ökosysteme zerstört, Autobahnen als exklusive Orte gebaut, die nur, wer motorisiert ist, nutzen kann. "Der Mensch", so Ivan Illich pointiert, "wurde aus seiner eigenen Umwelt vertrieben."
Dabei sei die Automobilität eine "Pseudomobilität". Illich stellt luzide Berechnungen an, nach denen sich das Auto als höchst ineffizientes Mittel der Fortbewegung erweist. Er plädiert dafür, Transport und Mobilität neu zu denken, energiearm, gemeinschaftsfördernd, sozial- und lebensgerecht. Eine Forderung, die aktueller nicht sein könnte.
Service
Ivan Illich, "Fortschrittsmythen", deutsch von Thomas Lindquist, Rowohlt Verlag, Reinbek 1978
Ivan Illich, "Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik", deutsch von Thomas Lindquist, Rowohlt Verlag, Reinbek 1980
Ivan Illich, "Klarstellungen. Pamphlete und Polemiken", aus dem Englischen von Helmut Lindemann. Mit einer Einleitung von Erich Fromm. Verlag C.H. Beck, München 1996
Ivan Illich, "In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley", aus dem Englischen von Sebastian Trapp, Verlag C.H.Beck, München 2006
Thierry Paquot, "Ivan Illich. Denker und Rebell", aus dem Französischen von Henriette Cejpek und Barbara Duden, Verlag C.H. Beck, München 2017
Martina Kaller-Dietrich, "Ivan Illich. Sein Leben, sein Denken", Bibliothek der Provinz, Weitra 2007
Gabriele Goettle, "Frühstückmit Ivan Illich", taz, 30.7.2001
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Keith Jarrett geb.1945
Album: BELONGING
Titel: Belonging/instr.
Solist/Solistin: Keith Jarrett
Solist/Solistin: Jan Garbarek
Länge: 02:12 min
Label: ECM 1050
