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Gedanken für den Tag
Ivan Illich und die Amerikanisierung
Petra Nagenkögel, Schriftstellerin, zum 100. Geburtstag von Ivan Illich
4. September 2026, 06:57
Täglich, so lese ich, legen wir im europäischen Durchschnitt 183 Meter scrollend zurück, wischend mit dem Finger auf dem Smartphone. Und weiter: Zunehmend mehr Menschen würden das Handy als Teil ihres Körpers empfinden. Und die KI als Therapeutin.
Ivan Illich, der im Jahr 2002 gestorben ist, hätten diese Fakten wohl kaum erstaunt. "Wir sind", so schreibt er schon in den 1980er Jahren, "bedroht vom Anbruch einer Epoche, die die Show für ein Abbild der Wirklichkeit nimmt."
Illich hat über 20 Jahre in Lateinamerika verbracht. Und dort miterlebt, was die erzwungene Amerikanisierung der für "unterentwickelt" erklärten Länder bedeutete: nicht nur eine radikale Umformung ihrer Wirtschaftsweisen, sondern auch eine tiefgreifende soziale, kulturelle und mentale Transformation, die er als De-formation begreift. Illich beschreibt diesen Prozess pointiert als den einer "Übersetzung von Durst in ein Verlangen nach Coca-Cola."
Später vertieft er seine Diagnosen, richtet den Blick darauf, wie unsere industriell-technologisch geformte Lebensweise unser Denken und Fühlen verändert habe, auch die Vorstellungen, die wir uns machen von Welt und Wirklichkeit. Er konstatiert einen "Verlust der Sinne" und "eine Entkörperung unserer Wahrnehmung ". Mehr und mehr hätten wir die Fähigkeit verloren, in eine sinnlich konkrete, lebendige, empathische Beziehung zu unseren Mit- und Umwelten zu treten. Illich nennt dies "modernisierte Armut".
Vielleicht also ginge es darum, uns zu be-fremden. Die Be-fremdung ist für Ivan Illich eine Möglichkeit des Erkennens. Sie bedeutet, herauszutreten aus der Gewohnheit, aus der scheinbaren Normalität unserer Lebensweise, und gleichsam mit fremdem Blick auf das Vertraute zu sehen. Eine, so Illich, dringend notwendige "Kulturrevolution" könne nicht in der immer weiteren Expansion von Technologien bestehen, sondern nur in einer Veränderung des Bewusstseins.
Service
Ivan Illich, "Fortschrittsmythen", deutsch von Thomas Lindquist, Rowohlt Verlag, Reinbek 1978
Ivan Illich, "Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik", deutsch von Thomas Lindquist, Rowohlt Verlag, Reinbek 1980
Ivan Illich, "Klarstellungen. Pamphlete und Polemiken", aus dem Englischen von Helmut Lindemann. Mit einer Einleitung von Erich Fromm. Verlag C.H. Beck, München 1996
Ivan Illich, "In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley", aus dem Englischen von Sebastian Trapp, Verlag C.H.Beck, München 2006
Thierry Paquot, "Ivan Illich. Denker und Rebell", aus dem Französischen von Henriette Cejpek und Barbara Duden, Verlag C.H. Beck, München 2017
Martina Kaller-Dietrich, "Ivan Illich. Sein Leben, sein Denken", Bibliothek der Provinz, Weitra 2007
Gabriele Goettle, "Frühstückmit Ivan Illich", taz, 30.7.2001
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Eleni Karaindrou/geb.1939
Album: ELENI KARAINDROU: CONCERT IN ATHENS
Titel: Adagio/instr. / aus dem Film "Landscape in the mist" / "Landschaft im Nebel" / "Topio stin omichli"
Solist/Solistin: Kim Kashkashian /Viola
Solist/Solistin: Jan Garbarek /Tenorsaxophon
Solist/Solistin: Vangelis Christopoulos /Oboe
Orchester: Camerata Orchestra
Leitung: Alexandros Myrat
Länge: 01:00 min
Label: ECM New Series 2220 / 4764984
