ORF/JOSEPH SCHIMMER
Gedanken für den Tag
Wozu lernen wir?
Gedanken zur Bedeutung der Allgemeinbildung von Lisz Hirn, Philosophin
7. September 2026, 06:57
Mit dem Beginn des neuen Schuljahres ist sie wieder da: die Frage nach dem "Wozu noch Schule? Wozu noch Bildung?" Wie lassen sich im Angesicht von gewaltigen technologischen und geopolitischen Umwälzungen, gesellschaftlichen Radikalisierungen noch kritische und mündige junge Menschen fördern? Welche Fähigkeiten werden zukünftig für uns alle notwendig sein, um all den noch ungeahnten Herausforderungen bestmöglich entgegenzutreten?
Alles neu oder doch lieber so weiter wie bisher? Soll man nicht nur das Fach Latein kürzen, sondern überhaupt in den ganzen Sprachfächern inklusive Deutsch sparen, da ja ohnehin mit ChatGPT und mit KI-Übersetzungsapps gearbeitet und immer weniger selbst geschrieben und gelesen wird? Hat sich das Lesen, diese Kulturtechnik, die Notwendigkeit des Erlernens der Muttersprache und ihres gelingenden Ausdrucks nicht völlig über-holt?
Ich denke, dass die gegenwärtige, fast schon gewalttätige Sprachlosigkeit allüberall vielmehr den Satz der bedeutenden deutschsprachigen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann beweist: "Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht!" Das Wort, die Sprache, kann nur der für sich erobern, der sich mit beiden auseinandergesetzt und gelesen, der sich selber im Verfassen und Formulieren geübt hat.
Schreiben zu lernen verändert nachweislich unser Gehirn, zusammen mit dem Lesen bestenfalls auch unser Denken. Das Fach Deutsch könnte zu einer umfassenden Literalität verhelfen, die kein Luxus ist, sondern die Bedingung für die Mündigkeit jedes Einzelnen, ob im Analogen oder im Digitalen.
Andere für sich denken und schreiben zu lassen, ist freilich bequem, darauf wies schon der Philosoph Immanuel Kant hin. Dass diese anderen allerdings die von Menschen gemachten Maschinen sein könnten, hätte sich nicht einmal dieser nüchterne Philosoph träumen lassen.
Service
Lisz Hirn, "Gehorchen. Über das Wesen der Autorität", Zolnay Verlag 2026
Podcast abonnieren
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Frederic Chopin 1810 - 1849
Album: CHOPIN - WALZER
Titel: Walzer für Klavier in h-moll op.69 Nr.2
Solist/Solistin: Dimitri Alexeev
Länge: 01:10 min
Label: EMI 7475012
