AP/THOMAS PADILLA
Punkt eins
Wie politisch ist Religion?
Politischer Islam, christlicher Nationalismus und das Verhältnis zwischen Politik und Religion. Gäste: Ass.-Prof.in Dr.in Astrid Mattes, Forschungszentrum Religion and Transformation in Contemporary Society, Universität Wien & Prof. Dr. Karsten Lehmann, Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Niederösterreich. Moderation: Marina Wetzlmaier. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
8. September 2026, 13:00
Was ist herkömmliche Religionsausübung und wann wird sie politisch? Wie ist das Politische in Bezug auf Religion definiert? Kann Religion nicht politisch sein?
Die aktuelle Debatte um den "politischen Islam" wirft eine Reihe von ungeklärten Fragen auf, beginnend damit, was mit dem Begriff gemeint ist. Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP) beruft sich auf eine Definition der "Dokumentationsstelle Politischer Islam", die unter der Bundesregierung Kurz II gegründet wurde. Demnach handle es sich um eine "Herrschaftsideologie", die anstrebe eine Gesellschaft nach Normen umzugestalten, die von ihren Anhängern als islamisch verstanden werden, aber nicht mit demokratischen Grundwerten vereinbar seien. Die Bundesregierung will den "politischen Islam" und Organisationen, die mit ihm in Verbindung gebracht werden, daher verbieten. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wird derzeit erarbeitet. Expert:innen zweifeln an dem Vorhaben.
International sei der Begriff "politischer Islam" nicht klar definiert, betont der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger in einem Interview. Er hält ein Verbot für "reinen Populismus". Alles, was an einzelnen Strömungen problematisch sei, wie Verhetzung oder Terrorismus, ist in Österreich bereits jetzt verboten. Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker kritisiert in der Tageszeitung "Der Standard" die Unschärfe des Begriffs, der sich auf mehrere Arten lesen lässt. Allgemein können Organisationen, Gruppen und Personen gemeint sein, die im Rahmen des Nationalstaates politisch tätig werden. Das Spektrum ist allerdings sehr breit, schrieb Politikredakteur Christian Meier 2021 in der F.A.Z.: "von einem gewalttätigen Extremismus bis zu legalem politischem Engagement im Rahmen der Demokratie".
In welchem Verhältnis stehen Politik und Religion zueinander? Ist von der politischen Beteiligung religiöser Menschen die Rede? Von der Einmischung religiöser Institutionen in die Politik? Von einer Instrumentalisierung der Religion durch politische Akteure?
Eine Nähe zwischen Politik und Religion demonstrieren etwa Russlands Präsident Wladimir Putin und Patriarch Kyrill. Sie treten oft gemeinsam auf. Die russisch-orthodoxe Kirche unterstützt offen den Angriffskrieg gegen die Ukraine.
In den USA bedient sich die rechte MAGA-Bewegung religiöser Erzählungen. Sie stellt den Iran-Krieg als "von Gott gewollt" dar; im Pentagon wird für den Sieg gebetet. Papst Leo XIV. mahnte währenddessen, dass Jesus nicht benutzt werden dürfe, um Kriege zu rechtfertigen.
Das Spannungsfeld von Politik und Religion beschäftigt Forschende von der Theologie und Religionswissenschaft bis zur Soziologie und Politikwissenschaft. An der Universität Wien werden die verschiedenen Disziplinen im Forschungszentrum "Religion and Transformation" vernetzt. Assistenzprofessorin Dr. Astrid Mattes beschäftigt sich u.a. mit politischen Aspekten des Christentums und des Islams in Europa. Der Soziologe und Religionswissenschaftler Prof. Dr. Karsten Lehmann forscht über das Verhältnis zwischen religiöser Pluralität, Bildung, Politik und Kunst. Beide sind Gäste bei Marina Wetzlmaier in Punkt eins.
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