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Punkt eins
Vaclav Havel: Begeisterung für Europa
Dichter, Dissident, Staatspräsident - Havel wäre heute 90 geworden. Gäste: Ondrej Cerny, Dramaturg, Regisseur, Direktor des Tschechischen Zentrums Wien & Univ.-Prof. Dr. Philipp Ther, Institut für Osteuropäische Geschichte, Universität Wien. Moderation: Alexander Musik. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
5. Oktober 2026, 13:00
Tschechien kommt innenpolitisch nicht zur Ruhe: Am Mittwoch hat die Regierung des Rechtspopulisten Andrej Babis ein Misstrauensvotum überstanden; jüngst gingen wieder Menschen gegen Babis' Medienpolitik auf die Straßen. Am 9. und 10. Oktober finden Kommunal- und Senatswahlen statt, ein wichtiger Stimmungstest. Bereits seit Wochen wird allerdings auch gefeiert: Vaclav Havels 90. Geburtstag, unter anderem mit einem mehrmonatigen Festival auf der Prager Burg.
"Es gibt nur eine Handvoll Politiker der modernen europäischen Geschichte, auf deren Gedanken sich die Staats- und Regierungschefs regelmäßig berufen", heißt es in einem Kommentar von Radio Prague International zu Vaclav Havels Wirken und Nachwirken: "Zu dieser Handvoll gehören Robert Schuman und Jean Monnet als Gründerväter der Europäischen Union, aber auch der letzte tschechoslowakische und erste tschechische Staatspräsident, Vaclav Havel."
Vaclav Havel, der Staatsmann, Dichter, Menschenrechtler und Dissident, war auch ein begeisterter Europäer. Havel machte sich bereits für die EU-Erweiterung stark, lange bevor Tschechien tatsächlich der Union beitrat. Allerdings hatte er Vorstellungen eines vereinigten und gelebten Europas, die sich nicht mit dem Maastricht-Vertrag von 1992 deckten, den Havel so kommentierte: "Die Lektüre des Vertrags von Maastricht wird die Menschen schwerlich zu begeisterten Europäern machen, obwohl es sich um ein historisch bedeutendes Dokument handelt. Er wird auch keine Patrioten aus ihnen machen, die diesen schwierigen Organismus als ihre Heimat, als ihr Heim erleben, respektive als eine Schicht ihres Heimes. Soll dieses große bürokratische Werk, das augenscheinlich allen Europäern das Leben erleichtern soll, tatsächlich gelten und die vielfältigsten Prüfungen der Zeit überdauern, dann muss es weitaus sichtbarer mit etwas anderem verkittet werden als mit einer Struktur an Vorschriften und Normen." Havel dachte dabei an eine EU-Verfassung. Die sollte es tatsächlich geben, doch in Kraft ist sie nie getreten.
Wer war dieser am 5. Oktober 1936 in Prag zur Welt gekommene Mann aus "gutem Hause", dessen großbürgerliche Herkunft ihm und seiner Familie nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei das Leben schwer machte?
Für Vaclav Havel war es unerträglich, sein Leben im engen kommunistischen Korsett zu leben - und zu schweigen. Er schrieb gegen die "Normalisierung" der Verhältnisse nach Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes an, engagierte sich als Mitbegründer und Sprecher der "Charta 77" für Menschenrechte und büßte für sein Engagement mit fünf Jahren Gefängnis. Auszureisen lehnte er ab.
Später wurde Vaclav Havel zur Integrationsfigur der oppositionellen Kräfte. Als die Samtene Revolution in vollem Gange war, skandierten die Tschechen auf der Straße: "Havel na hrad" - "Havel in die Burg!" So kam es.
Vaclav Havel ließ als Staatspräsident in der Prager Burg 1990 die ersten freien Wahlen seit 1948 abhalten. Seine charismatische Persönlichkeit und seine Integrität sorgten dafür, dass sein Land es international wieder zu großem Ansehen brachte - auch wenn Havel die Trennung der beiden Landesteile in die Tschechische und die Slowakische Republik nicht verhindern konnte.
Alexander Musik diskutiert mit dem Dramaturgen, Regisseur und Direktor des Tschechischen Zentrums Wien, Ondrej Cerny, und Philipp Ther vom Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien über das Wirken und Nachwirken von Vaclav Havel - als Dichter, Menschenrechtler und Europäer.
Wie immer sind Sie eingeladen mitzudiskutieren: Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an die "Charta 77" und Vaclav Havel denken? Was würde Vaclav Havel über "sein" Tschechien 2026 sagen? Was wissen insbesondere junge Menschen in Österreich, Tschechien und der Slowakei noch über das Wirken Vaclav Havels?
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