APA-IMAGES/UNITED ARCHIVES/KPA
Spielräume
Multitalent und Freigeist: Dieter Glawischnig 1938-2026
Musik aus allen Richtungen mit Andreas Felber. Nachruf auf den 88-jährig verstorbenen Grazer Pianisten, Komponisten und Pädagogen Dieter Glawischnig
15. Oktober 2026, 17:30
Als Jugendlicher legte er die 100 Meter ohne Training in elf Sekunden zurück, so erzählte er gerne. Ob aus Dieter Glawischnig ein großer Leichtathlet geworden wäre, hat man indessen nie erfahren. Allen sportlichen Ambitionen kam nämlich schon früh eine noch größere Passion in die Quere, jene für die Musik: Glawischnig, geboren 1938 in Graz, lernte Trompete und Posaune, studierte Klavier an der Grazer Musikakademie, zudem Musikwissenschaft.
Die britische Besatzungsmacht bot in der Steiermark gute Bedingungen für die Entstehung einer regen Jazzszene - und diese Musik hatte es Dieter Glawischnig früh angetan: Inspiriert von den bahnbrechenden Innovationen des US-amerikanischen Saxofonisten Ornette Coleman experimentierte er schon Ende der 1950er Jahre gemeinsam mit Bassist Ewald Oberleitner mit freier Improvisation, was einige Jahre später zur Praxis eines "motivisch und formal gebundenen Free Jazz" führte. 1974 mündeten jene Experimente in das Trio Neighbours (mit Schlagzeuger John Preininger), das unter anderem durch Aufnahmen mit den beiden Chicagoer Saxofonisten-Koryphäen Anthony Braxton und Fred Anderson international bekannt wurde.
Bereits 1965 war Glawischnig auch an der frühen universitären Verankerung des Jazz in Graz beteiligt, von 1971 bis 1975 fungierte er als Leiter der Jazzabteilung an der damaligen Musikhochschule. 1980 ereilte ihn der Ruf nach Hamburg, wo er an der hiesigen Hochschule für Musik und Theater einen "Studiengang für Jazz und jazzverwandte Musik" einrichtete und lange Jahre als Professor unterrichtete. Von 1980 bis 2008 fungierte Glawischnig zudem als Leiter der Bigband des Norddeutschen Rundfunks (NDR), die sich unter seiner Ägide vom dienstbaren "Tanz- und Unterhaltungsorchester" zum modernen Solisten-Klangkörper wandelte. Mit der NDR-Bigband realisierte er in den 1980er Jahren mit Lautpoet Ernst Jandl, mit dem er schon in den 1960ern im Grazer Forum Stadtpark erstmals aufgetreten war, wegweisende Projekte der Zusammenführung von zeitgenössischem Jazz und avancierter Lyrik: Die 1995 erschienene Doppel-CD mit Glawischnigs Jazzorchester-Kompositionen "laut uns luise" und "aus der kürze des lebens" genießt unter Kenner:innen Kult-Status.
Nach seiner Rückkehr nach Graz musizierte Dieter Glawischnig mit Violinist Andi Schreiber (im Trio Cercle, mit dem britischen Drummer Tony Oxley als drittem Partner), weiterhin mit Alter ego Ewald Oberleitner, zuweilen mit seinem ebenfalls Kontrabass spielenden Sohn Hans Glawischnig, der sich in der New Yorker Szene einen sehr guten Namen gemacht hatte. Und mit weiteren alten und neuen Freunden - zuletzt gerne auch im Duo mit Altsaxofonistin Tanja Feichtmair.
Wie seine Familie nun bekannt gab, ist Dieter Glawischnig am 1. Oktober im Alter von 88 Jahren in einem Grazer Spital gestorben. Mit ihm ist ein vielseitiger Künstler, Pädagoge und offener Geist für immer von der Bühne abgetreten, dessen Werk innerhalb und außerhalb Österreichs einen langen Nachhall haben wird.
